Der Spieler – Teil 54

Der Spieler ist ein Fortsetzungsroman auf den Seiten von Jazznrhythm.com. Unregelmäßig, ohne Ankündigung, oder einem festen Termin, erscheinen weitere Abschnitte.
Dieses ist der vierundfünfzigste Teil und jetzt geht es definitiv nicht mehr ums Wasserlassen. Es kann nur schlimmer werden.
(Nebenbei: Wenn jemand Vermutungen äußern will, wie es weiter geht – dann würde mich das interessieren. Bitte unten ins Kommentarfeld schreiben)
Andreas Allgeyer, 23.03.2026
Als sie mich dann schließlich weckten – ich war wohl wieder eingenickt – taten sie es mit vorbildlicher Sanftheit. Als wollten sie den alten Mann nicht erschüttern. Ich stöhnte und öffnete meine Augen. Das lächelnde Gesicht eines glänzenden Riesen blickte mich an.
„Sie sollten jetzt langsam aufstehen.“
Er war mir so nahe, dass ich mich von seiner Augenfarbe faszinieren liess. Schwarze, dunkle Augen fand ich von jeher beeindruckend. Große, schwarze Löcher, wie sie durch rauschhafte Zustände entstehen.
Ich versuchte herauszubekommen, ob sie dunkelbraun oder tatsächlich schwarz waren, aber die Neonröhre an der Decke war hinter ihm. Ich lag noch auf dem Bett und ihre Farbe war nicht auszumachen.
„Haben sie mich verstanden?“ Sein Blick wurde besorgt.
„Ja, ja, schon gut.“ Ich wehrte ihn ab. Sah dabei meinen roten Arm. Für einen Moment verharrte ich, blickte auf meinen Arm und konnte es nicht fassen. Mein ganzer Körper war in rot gekleidet. In flauschiges, weites Rot, das mit einem Gummiband befestigt war. So verhinderte, dass ich nackt aufstand.
Nackt. Ich erinnerte mich. Schüttelte den Kopf.
„Haben sie mich ausgezogen?“
Er wirkte verständnislos, als sei ihm die Sprache und die Deutung der Worte unbekannt.
Ich wartete.
Er zuckte die Schultern. Ich hakte noch mal nach.
„Haben sie mich ausgezogen?“ Dabei betonte ich jedes Wort, sprach langsam und achtete auf seine Augen, ob etwas davon ankam.
Er jedoch wirkte kein bißchen verwundert, überrascht oder bereit eine Erklärung zu liefen.
Schüttelte nur den Kopf, meinte „Nein!“ , half mir hoch und auf die Beine. Er tat dieses vorsichtig, fast zurückhaltend. Achtete darauf nicht schneller vorzugehen, als ich selbst bereit war. Der Eindruck eines guten Pflegers blieb haften. Gefiel mir aber nicht.
Man hatte mir ein paar Sportschuhe bereit gestellt. Scheinbar neu, scheinbar genau meine Größe, aber ich wollte mir darüber keine Gedanken zu machen.
Er verharrte vor mir, beobachtete mich genau. Sein besorgter Blick blieb auf mir haften, während ich aufstand, und ein paar Schritte mit den Schuhen ging. Sie passten besser als manche, die ich mir ausgesucht hatte.
„Sie kommen klar?“
Ich zuckte dieses Mal mit den Schultern.
„Dann ist es gut. Ich werde ihnen ihr Frühstück bringen. Zusammen mit einigen Büchern, die sie sich anschauen sollten.“
„Warum?“
„Damit sie all das besser verstehen.“
„Man könnte mich auch einfach wieder freilassen.“
Er antwortete nicht, wandt sich ab, öffnete die Tür und verliess den Raum. Seine Schritte waren nahezu unhörbar. Wie ein Krieger auf Pantoffeln verschwand er aus dem Zimmer.
Im Zusammenhang mit seiner Größe und Statur wirkte es wie ein Wunder, schwebte er doch gleich einer Elfe davon. Ein riesiger Ninja.
Wie versprochen kam er sogleich mit einem reichhaltigen Frühstück zurück. Viel zu gesund, aber nahrhaft in seiner Zusammenstellung aus frischem Obst und Müslivarianten. Mein Magen würde damit nicht umgehen können, aber das war mir egal.
Der Hunger war zu groß, mein Körper zu geschwächt und ich wäre eigentlich reif für einen Tropf gewesen. Ich schlang die Körnerkost in mich hinein, schüttete den Orangensaft hinterher, rülpst, und wußte, es würde keine halbe Stunde dauern, bis mein Bauch Alarm schlug. Der war schlicht nichts anderes gewohnt, als Käsebrote und Kaffee in solch frühen Stunden zu sich zu nehmen.
Auf dem Schreibtisch lagen nun einige Bücher.
Die Zusammenstellung erschien im ersten Moment zufällig. Liess aber Rückschlüsse zu, auf das was mir Blumscheid eigentlich erzählen wollte:
Reaching for the moon : a short history of the space race von Roger D. Launius
Das Konzentrationslager „Mittelbau“ in der Endphase der nationalsozialistischen Diktatur von Joachim Neander
Unterirdisch : verborgene Orte in Deutschland von Hans-Joachim Schneider
Und
Die V2 : Entwicklung – Technik – Einsatz von Murray R. Barber
Ich beschloss nichts davon zu lesen. Mein Magen war sowieso dabei einen Brei zu bilden, den er möglichst schnell wieder ausstoßen konnte.