Klassik im Zeitalter von KI und Streaming – Ein Gespräch mit den Twiolins – (Teil 2)

In der letzten Woche startete das Gespräche mit den Twiolins, einem jungen, innovativen Geigenduo bestehenden aus Marie-Luisa Dingler und Marta Danilkovich (nachzulesen hier: https://jazznrhythm.com/klassik-im-zeitalter-von-streaming-und-ki-ein-gespraech-mit-the-twiolins)
In diesem, zweiten Teil stehen vor allem Themen im Vordergrund, die mittlerweile mehrheitlich fast alle MusikerInnen betreffen. Und dabei vieles anderes verdrängen können. Kreativität, und das Bemühen diese als Beruf auszuüben, konfrontieren in einer digitalen Welt alle KünstlerInnen mit neuen, schnell wechselnden Publikations- und Einnahmequellen.
Wie die Twiolins mit diesen Herausforderungen umgehen, welche Wege sie dabei beschreiten, und wie offen sie dieses für sich selber gestalten, sind die Schwerpunkte des folgenden Gesprächs. In diesem letzten Teil geht es nicht nur um die Optionen, die sich neu öffnen, sondern auch um die Bedrohungen, sowie die Flexibilität, die von allen Beteiligten erwartet wird.
Die beiden KünstlerInnen sind stark auf Social Media vertreten, nutzen das Internet versiert und kundig, verschließen sich dabei nicht den neuen Entwicklungen. Sie versuchen vor allem ebenfalls bei ihren Auftrittsformaten ständig neue Wege zu beschreiten.
Wer mehr über die Twiolins erfahren möchte, findet weitere Informationen und Links zu ihren verschiedenen Präsentationen auf Ihrer Webseite: https://www.thetwiolins.de
Streaming und Tonträger
Andreas (Jazznrhythm.com)
Der klassische Tonträgerverkauf spielt heute kaum noch eine Rolle. Deshalb bleiben Streamingdienste oder Plattformen wie Bandcamp.
Marie-Luise Dingler
Bandcamp nutzen wir erst seit Kurzem.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Dabei heißt es doch immer, Musik müsse möglichst kurz sein.
Marie-Luise Dingler
Das gilt vor allem für Pop und Radio. Unsere Zielgruppe hört ganz andere Formate. Klassische Werke dürfen auch im Radio deutlich länger sein.
Natürlich konkurrieren wir auf YouTube mit kurzen Inhalten. Aber unser Publikum nimmt sich Zeit. Deshalb funktionieren auch längere Videos.
Marta Danilkovich
Man sollte sich ohnehin nicht zu sehr an vermeintliche Regeln klammern. Langfristig funktioniert vor allem das, was authentisch ist.
Marie-Luise Dingler
Unser aktuelles Video hat bereits mehrere Tausend Aufrufe erreicht. Auf Facebook hatten wir sogar Beiträge mit mehreren Hunderttausend Aufrufen.
Ich poste regelmäßig auf Facebook und Instagram. Likes sind zwar zurückgegangen, aber im Alltag merke ich ständig, dass die Leute unsere Beiträge trotzdem sehen. Deshalb versuche ich, mich nicht vom Algorithmus verrückt machen zu lassen. Entscheidend ist, die eigene Zielgruppe kontinuierlich zu erreichen.
Marta Danilkovich
Kontinuität schafft Vertrauen.
Marie-Luise Dingler
Genau. Daraus entstehen Fans, Konzertbesucher und letztlich auch neue Aufträge.
Social Media – zwischen Algorithmus und Authentizität
Andreas (Jazznrhythm.com)
Wie viel Zeit investiert ihr in Social Media?
Marie-Luise Dingler
Das ist schwer zu sagen. Allein das Erstellen eines Videos kostet viel Zeit – Material sichten, schneiden, veröffentlichen.
Marta Danilkovich (lacht)
Ich würde eher sagen: ein bis zwei Stunden am Tag.
Marie-Luise Dingler
Am aufwendigsten sind Beiträge mit Bildern und Texten. Diese typischen »Fünf Dinge, die ihr über unsere neue Single wissen müsst«. Für die Formulierungen nutze ich inzwischen auch KI als Unterstützung. Trotzdem dauert es lange, bis so ein Beitrag wirklich gut aussieht.
Marta Danilkovich
Und nach einem Tag ist er schon wieder verschwunden.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Genau das ist das Frustrierende. Man steckt unglaublich viel Arbeit hinein und kurze Zeit später interessiert sich niemand mehr dafür.
Marta Danilkovich
Instagram ist ohnehin keine Plattform für lange Diskussionen. Dort funktionieren vor allem persönliche Videos.
Marie-Luise Dingler
Man muss ausprobieren, was zur eigenen Zielgruppe passt. Bei uns funktionieren Live-Aufnahmen mit Abstand am besten – besser als aufwendig produzierte Musikvideos.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Du nutzt also tatsächlich KI beim Schreiben?
Marie-Luise Dingler
Ja, als Ideengeber oder um Texte schneller zu formulieren. Die Kreativität bleibt trotzdem meine eigene.
Interessanterweise bekommen genau die Beiträge, in die ich besonders viel Arbeit stecke, oft nur wenige Reaktionen. Unsere Zielgruppe möchte uns einfach spielen sehen.
Marta Danilkovich
Vielleicht sollten wir manche Inhalte einfach direkt in die Kamera erzählen.
Marie-Luise Dingler
Das könnte funktionieren. Ich habe viele Formate ausprobiert. Am zuverlässigsten laufen Videos von Live-Auftritten. Dieses Unmittelbare kommt offenbar am besten an.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Also selbst dann, wenn jemand aus dem Publikum filmt?
Marie-Luise Dingler
Ja. Ton und Bild sollten natürlich ordentlich sein. Aber entscheidend ist dieser echte Moment.
Marta Danilkovich
Menschen möchten das Gefühl haben, einer echten Person zuzusehen. Daraus entsteht Nähe.
Marie-Luise Dingler
Gerade im Klassikbereich möchten die Leute erleben, wie du auf der Bühne spielst. Deshalb bleibt das unser wichtigstes Format.
YouTube und Streaming
Andreas (Jazznrhythm.com)
Spielt YouTube dabei eine besondere Rolle?
Marie-Luise Dingler
Ja. YouTube ist tatsächlich die einzige Plattform, über die wir regelmäßig Einnahmen erzielen – keine großen, aber kontinuierliche. Gleichzeitig funktioniert dort jedes Format ein wenig anders.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Spotify zahlt zwar wenig, ist aber wahrscheinlich die wichtigste Werbeplattform.
Marie-Luise Dingler
Genau. Wenn dich niemand hört, nützen höhere Ausschüttungen auf kleineren Plattformen wenig.
Unsere neue Single wurde beispielsweise in die Spotify-Playlist „New Classical Friday“ aufgenommen. Dadurch erreichen wir viele neue Hörer. Das bringt zwar keine großen Einnahmen, aber Sichtbarkeit.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Und wenn jemand euch dort entdeckt?
Marie-Luise Dingler
Dann hören sich manche Menschen gezielt weitere Stücke von uns an. Genau dafür sind solche Playlists wichtig.
KI – Werkzeug statt Ersatz
Andreas (Jazznrhythm.com)
Sobald Künstler KI einsetzen, wird häufig sehr emotional darüber diskutiert.
Ich nutze sie selbst bei der Interviewbearbeitung. Ohne diese Unterstützung müsste ich Monate daran sitzen.
Marie-Luise Dingler
Ich sehe das ganz entspannt. KI übernimmt Routinearbeiten. Kreativ bleiben wir trotzdem selbst.
Zum Beispiel hilft sie mir bei meiner Website. Früher musste ich dafür jemanden beauftragen. Heute frage ich einfach nach dem nächsten Schritt und bekomme sofort Hilfe.
Marta Danilkovich (lacht)
Und man kann die KI sogar anschreien – sie bleibt trotzdem freundlich.
Marie-Luise Dingler
Genau. Und am Ende verlangt sie keine Rechnung.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Ich nutze sie oft auch als zweiten Blick: Was könnte ich noch verbessern? Gibt es rechtliche Stolperfallen? Welche Möglichkeiten habe ich übersehen?
Marie-Luise Dingler
Früher war ich schlecht darin, nach Lösungen zu suchen. Heute beschreibe ich einfach mein Problem und bekomme eine verständliche Antwort. Das spart unglaublich viel Zeit.
Was mich eher nervt, sind die ganzen KI-Bilder im Netz. Aber ich glaube, das ist ein vorübergehender Trend.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Das hoffe ich ebenfalls.
Marie-Luise Dingler
Was Menschen wirklich suchen, sind echte Begegnungen und Live-Erlebnisse. Das wird keine KI ersetzen.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Dann gewinnt das Live-Konzert vielleicht wieder die Bedeutung zurück, die es vor den Tonträgern einmal hatte.
Marie-Luise Dingler
Genau. Tonträger verlieren an Bedeutung – das Live-Erlebnis gewinnt.
Marta Danilkovich
Gefühle lassen sich nicht künstlich erzeugen.
Wirtschaft, Kulturförderung und die Realität des Musikerlebens
Andreas (Jazznrhythm.com)
Immer häufiger sehe ich Bands, die einen Teil ihrer Musik vom Laptop oder iPad abspielen. Früher war das eher die Ausnahme.
Marie-Luise Dingler
Bei den ganz großen Acts funktioniert das Livegeschäft nach wie vor hervorragend. Im kleineren Bereich ist die Situation schwieriger. In der Klassik profitieren wir allerdings von einer gewachsenen Förderstruktur.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Im Popbereich scheint der Druck deutlich größer geworden zu sein. Wenn ein Arenakonzert mehrere Hundert Euro kostet, bleibt für viele Besucher kaum noch Budget für kleine Clubs. Gleichzeitig konkurrieren dort immer mehr Musiker um dieselben Veranstaltungsorte.
Marie-Luise Dingler
Diese Entwicklung gibt es tatsächlich. In der Klassik sieht die Situation etwas anders aus. Viele Konzertreihen werden öffentlich gefördert. Wenn man dort eingeladen wird, sind Gage, Werbung und oft auch Hotelkosten bereits abgesichert. Davon kann man durchaus leben.
In der Popularmusik hängt dagegen vieles vom Engagement einzelner Veranstalter, Vereine oder Sponsoren ab.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Wir hatten einmal über das französische Modell gesprochen, bei dem Streamingplattformen durch eine Steuer zur Kulturförderung beitragen.
Marie-Luise Dingler
Soweit ich weiß, fließt dort ein Teil der Einnahmen wieder an Künstler und Projekte zurück. Das ist zumindest ein Anfang.
Marta Danilkovich
Kultur wird oft erst vermisst, wenn sie plötzlich nicht mehr da ist. Gerade die Corona-Zeit hat doch gezeigt, wie wichtig gemeinsame kulturelle Erlebnisse für Menschen sind.
Corona
Andreas (Jazznrhythm.com)
Wie habt ihr diese Zeit erlebt?
Marie-Luise Dingler
Überraschend produktiv. Wir haben Livestreams gemacht, Social Media intensiv genutzt und ich konnte endlich mein Kinderbuch schreiben.
Natürlich war das wirtschaftlich keine normale Zeit. Aber unser Publikum hat uns unterstützt – mit Bestellungen, Konzerttickets und viel Resonanz.
Im Sommer konnten viele Veranstaltungen nachgeholt werden. Deshalb waren die finanziellen Einbußen am Ende deutlich geringer als zunächst befürchtet.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Viele Musiker erzählen heute noch, wie stark sie diese Zeit belastet hat.
Marie-Luise Dingler
Für uns ist das inzwischen abgeschlossen.
Marta Danilkovich
Ich hatte kurz vor Corona zwei CDs fertig produziert und konnte sie lange kaum verkaufen. Trotzdem gab es immer etwas zu tun – Förderanträge, neue Projekte oder Videos.
Psychisch war diese Zeit schwierig. Aber ich habe versucht, sie als Herausforderung zu sehen. Wenn sich eine Tür schließt, muss man nach einer anderen suchen. Wachstum entsteht selten in der Komfortzone.
Mehrere Standbeine
Andreas (Jazznrhythm.com)
Ihr habt euch inzwischen mehrere Standbeine aufgebaut.
Marie-Luise Dingler
Das gehört zum Musikerleben dazu. Es gibt intensive Tourphasen und ruhigere Zeiten. Diese Leerläufe nutze ich für andere Projekte.
Aus meinen Erfahrungen mit Booking, Pressearbeit und YouTube sind inzwischen Webinare entstanden, die ich unter anderem über die GEMA oder den Tonkünstlerverband anbiete.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Du engagierst dich außerdem in verschiedenen Verbänden.
Marie-Luise Dingler
Ja. Ich bin unter anderem bei der GEMA, der GVL, Pro Musik und dem Tonkünstlerverband aktiv. Berufsverbände sind wichtig, wenn sie die Interessen von Musikern tatsächlich vertreten.
Andreas (Jazznrhythm.com)
Gerade Pro Musik scheint da einiges zu bewegen.
Marie-Luise Dingler
Der Verein ist noch jung, aber er füllt eine Lücke. Lange gab es kaum jemanden, der sich speziell für freischaffende Musiker eingesetzt hat.
Ich möchte mich bei Marie-Luise Dingler und Marta Danilkovich für dieses umfassende und interessante Gespräch bedanken. Innerhalb der Präsenz von Jazznrhythm.com sind klassische Konzerte und KünstlerInnen etwas weniger vertreten. Die Hoffnung ist natürlich, dass in Zukunft etwas verstärkt betrachten zu können, denn wie auch hier deutlich wir: Die Erfahrungen sind austauschbar, ähnlich, aber liefern oft auch neue Aspekte.







