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Schlagwort: Interview

Klassik im Zeitalter von KI und Streaming – Ein Gespräch mit den Twiolins – (Teil 2)

Klassik im Zeitalter von KI und Streaming – Ein Gespräch mit den Twiolins – (Teil 2)

The Twiolins - Foto by Hans Altenkirch
The Twiolins – Foto by Hans Altenkirch

In der letzten Woche startete das Gespräche mit den Twiolins, einem jungen, innovativen Geigenduo bestehenden aus Marie-Luisa Dingler und Marta Danilkovich (nachzulesen hier: https://jazznrhythm.com/klassik-im-zeitalter-von-streaming-und-ki-ein-gespraech-mit-the-twiolins)

In diesem, zweiten Teil stehen vor allem Themen im Vordergrund, die mittlerweile mehrheitlich fast alle MusikerInnen betreffen. Und dabei vieles anderes verdrängen können. Kreativität, und das Bemühen diese als Beruf auszuüben, konfrontieren in einer digitalen Welt alle KünstlerInnen mit neuen, schnell wechselnden Publikations- und Einnahmequellen.

Wie die Twiolins mit diesen Herausforderungen umgehen, welche Wege sie dabei beschreiten, und wie offen sie dieses für sich selber gestalten, sind die Schwerpunkte des folgenden Gesprächs. In diesem letzten Teil geht es nicht nur um die Optionen, die sich neu öffnen, sondern auch um die Bedrohungen, sowie die Flexibilität, die von allen Beteiligten erwartet wird.

Die beiden KünstlerInnen sind stark auf Social Media vertreten, nutzen das Internet versiert und kundig, verschließen sich dabei nicht den neuen Entwicklungen. Sie versuchen vor allem ebenfalls bei ihren Auftrittsformaten ständig neue Wege zu beschreiten. 

Wer mehr über die Twiolins erfahren möchte, findet weitere Informationen und Links zu ihren verschiedenen Präsentationen auf Ihrer Webseite: https://www.thetwiolins.de

Streaming und Tonträger

Andreas (Jazznrhythm.com)
Der klassische Tonträgerverkauf spielt heute kaum noch eine Rolle. Deshalb bleiben Streamingdienste oder Plattformen wie Bandcamp.

Marie-Luise Dingler
Bandcamp nutzen wir erst seit Kurzem.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Dabei heißt es doch immer, Musik müsse möglichst kurz sein.

Marie-Luise Dingler
Das gilt vor allem für Pop und Radio. Unsere Zielgruppe hört ganz andere Formate. Klassische Werke dürfen auch im Radio deutlich länger sein.

Natürlich konkurrieren wir auf YouTube mit kurzen Inhalten. Aber unser Publikum nimmt sich Zeit. Deshalb funktionieren auch längere Videos.

Marta Danilkovich
Man sollte sich ohnehin nicht zu sehr an vermeintliche Regeln klammern. Langfristig funktioniert vor allem das, was authentisch ist.

Marie-Luise Dingler
Unser aktuelles Video hat bereits mehrere Tausend Aufrufe erreicht. Auf Facebook hatten wir sogar Beiträge mit mehreren Hunderttausend Aufrufen.

Ich poste regelmäßig auf Facebook und Instagram. Likes sind zwar zurückgegangen, aber im Alltag merke ich ständig, dass die Leute unsere Beiträge trotzdem sehen. Deshalb versuche ich, mich nicht vom Algorithmus verrückt machen zu lassen. Entscheidend ist, die eigene Zielgruppe kontinuierlich zu erreichen.

Marta Danilkovich
Kontinuität schafft Vertrauen.

Marie-Luise Dingler
Genau. Daraus entstehen Fans, Konzertbesucher und letztlich auch neue Aufträge.

Social Media – zwischen Algorithmus und Authentizität

Andreas (Jazznrhythm.com)
Wie viel Zeit investiert ihr in Social Media?

Marie-Luise Dingler
Das ist schwer zu sagen. Allein das Erstellen eines Videos kostet viel Zeit – Material sichten, schneiden, veröffentlichen.

Marta Danilkovich (lacht)
Ich würde eher sagen: ein bis zwei Stunden am Tag.

Marie-Luise Dingler
Am aufwendigsten sind Beiträge mit Bildern und Texten. Diese typischen »Fünf Dinge, die ihr über unsere neue Single wissen müsst«. Für die Formulierungen nutze ich inzwischen auch KI als Unterstützung. Trotzdem dauert es lange, bis so ein Beitrag wirklich gut aussieht.

Marta Danilkovich
Und nach einem Tag ist er schon wieder verschwunden.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Genau das ist das Frustrierende. Man steckt unglaublich viel Arbeit hinein und kurze Zeit später interessiert sich niemand mehr dafür.

Marta Danilkovich
Instagram ist ohnehin keine Plattform für lange Diskussionen. Dort funktionieren vor allem persönliche Videos.

Marie-Luise Dingler
Man muss ausprobieren, was zur eigenen Zielgruppe passt. Bei uns funktionieren Live-Aufnahmen mit Abstand am besten – besser als aufwendig produzierte Musikvideos.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Du nutzt also tatsächlich KI beim Schreiben?

Marie-Luise Dingler
Ja, als Ideengeber oder um Texte schneller zu formulieren. Die Kreativität bleibt trotzdem meine eigene.

Interessanterweise bekommen genau die Beiträge, in die ich besonders viel Arbeit stecke, oft nur wenige Reaktionen. Unsere Zielgruppe möchte uns einfach spielen sehen.

Marta Danilkovich
Vielleicht sollten wir manche Inhalte einfach direkt in die Kamera erzählen.

Marie-Luise Dingler
Das könnte funktionieren. Ich habe viele Formate ausprobiert. Am zuverlässigsten laufen Videos von Live-Auftritten. Dieses Unmittelbare kommt offenbar am besten an.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Also selbst dann, wenn jemand aus dem Publikum filmt?

Marie-Luise Dingler
Ja. Ton und Bild sollten natürlich ordentlich sein. Aber entscheidend ist dieser echte Moment.

Marta Danilkovich
Menschen möchten das Gefühl haben, einer echten Person zuzusehen. Daraus entsteht Nähe.

Marie-Luise Dingler
Gerade im Klassikbereich möchten die Leute erleben, wie du auf der Bühne spielst. Deshalb bleibt das unser wichtigstes Format.

YouTube und Streaming

Andreas (Jazznrhythm.com)
Spielt YouTube dabei eine besondere Rolle?

Marie-Luise Dingler
Ja. YouTube ist tatsächlich die einzige Plattform, über die wir regelmäßig Einnahmen erzielen – keine großen, aber kontinuierliche. Gleichzeitig funktioniert dort jedes Format ein wenig anders.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Spotify zahlt zwar wenig, ist aber wahrscheinlich die wichtigste Werbeplattform.

Marie-Luise Dingler
Genau. Wenn dich niemand hört, nützen höhere Ausschüttungen auf kleineren Plattformen wenig.

Unsere neue Single wurde beispielsweise in die Spotify-Playlist „New Classical Friday“ aufgenommen. Dadurch erreichen wir viele neue Hörer. Das bringt zwar keine großen Einnahmen, aber Sichtbarkeit.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Und wenn jemand euch dort entdeckt?

Marie-Luise Dingler
Dann hören sich manche Menschen gezielt weitere Stücke von uns an. Genau dafür sind solche Playlists wichtig.

KI – Werkzeug statt Ersatz

Andreas (Jazznrhythm.com)
Sobald Künstler KI einsetzen, wird häufig sehr emotional darüber diskutiert.

Ich nutze sie selbst bei der Interviewbearbeitung. Ohne diese Unterstützung müsste ich Monate daran sitzen.

Marie-Luise Dingler
Ich sehe das ganz entspannt. KI übernimmt Routinearbeiten. Kreativ bleiben wir trotzdem selbst.

Zum Beispiel hilft sie mir bei meiner Website. Früher musste ich dafür jemanden beauftragen. Heute frage ich einfach nach dem nächsten Schritt und bekomme sofort Hilfe.

Marta Danilkovich (lacht)
Und man kann die KI sogar anschreien – sie bleibt trotzdem freundlich.

Marie-Luise Dingler
Genau. Und am Ende verlangt sie keine Rechnung.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Ich nutze sie oft auch als zweiten Blick: Was könnte ich noch verbessern? Gibt es rechtliche Stolperfallen? Welche Möglichkeiten habe ich übersehen?

Marie-Luise Dingler
Früher war ich schlecht darin, nach Lösungen zu suchen. Heute beschreibe ich einfach mein Problem und bekomme eine verständliche Antwort. Das spart unglaublich viel Zeit.

Was mich eher nervt, sind die ganzen KI-Bilder im Netz. Aber ich glaube, das ist ein vorübergehender Trend.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Das hoffe ich ebenfalls.

Marie-Luise Dingler
Was Menschen wirklich suchen, sind echte Begegnungen und Live-Erlebnisse. Das wird keine KI ersetzen.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Dann gewinnt das Live-Konzert vielleicht wieder die Bedeutung zurück, die es vor den Tonträgern einmal hatte.

Marie-Luise Dingler
Genau. Tonträger verlieren an Bedeutung – das Live-Erlebnis gewinnt.

Marta Danilkovich
Gefühle lassen sich nicht künstlich erzeugen.

Wirtschaft, Kulturförderung und die Realität des Musikerlebens

Andreas (Jazznrhythm.com)
Immer häufiger sehe ich Bands, die einen Teil ihrer Musik vom Laptop oder iPad abspielen. Früher war das eher die Ausnahme.

Marie-Luise Dingler
Bei den ganz großen Acts funktioniert das Livegeschäft nach wie vor hervorragend. Im kleineren Bereich ist die Situation schwieriger. In der Klassik profitieren wir allerdings von einer gewachsenen Förderstruktur.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Im Popbereich scheint der Druck deutlich größer geworden zu sein. Wenn ein Arenakonzert mehrere Hundert Euro kostet, bleibt für viele Besucher kaum noch Budget für kleine Clubs. Gleichzeitig konkurrieren dort immer mehr Musiker um dieselben Veranstaltungsorte.

Marie-Luise Dingler
Diese Entwicklung gibt es tatsächlich. In der Klassik sieht die Situation etwas anders aus. Viele Konzertreihen werden öffentlich gefördert. Wenn man dort eingeladen wird, sind Gage, Werbung und oft auch Hotelkosten bereits abgesichert. Davon kann man durchaus leben.

In der Popularmusik hängt dagegen vieles vom Engagement einzelner Veranstalter, Vereine oder Sponsoren ab.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Wir hatten einmal über das französische Modell gesprochen, bei dem Streamingplattformen durch eine Steuer zur Kulturförderung beitragen.

Marie-Luise Dingler
Soweit ich weiß, fließt dort ein Teil der Einnahmen wieder an Künstler und Projekte zurück. Das ist zumindest ein Anfang.

Marta Danilkovich
Kultur wird oft erst vermisst, wenn sie plötzlich nicht mehr da ist. Gerade die Corona-Zeit hat doch gezeigt, wie wichtig gemeinsame kulturelle Erlebnisse für Menschen sind.

Corona

Andreas (Jazznrhythm.com)
Wie habt ihr diese Zeit erlebt?

Marie-Luise Dingler
Überraschend produktiv. Wir haben Livestreams gemacht, Social Media intensiv genutzt und ich konnte endlich mein Kinderbuch schreiben.

Natürlich war das wirtschaftlich keine normale Zeit. Aber unser Publikum hat uns unterstützt – mit Bestellungen, Konzerttickets und viel Resonanz.

Im Sommer konnten viele Veranstaltungen nachgeholt werden. Deshalb waren die finanziellen Einbußen am Ende deutlich geringer als zunächst befürchtet.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Viele Musiker erzählen heute noch, wie stark sie diese Zeit belastet hat.

Marie-Luise Dingler
Für uns ist das inzwischen abgeschlossen.

Marta Danilkovich
Ich hatte kurz vor Corona zwei CDs fertig produziert und konnte sie lange kaum verkaufen. Trotzdem gab es immer etwas zu tun – Förderanträge, neue Projekte oder Videos.

Psychisch war diese Zeit schwierig. Aber ich habe versucht, sie als Herausforderung zu sehen. Wenn sich eine Tür schließt, muss man nach einer anderen suchen. Wachstum entsteht selten in der Komfortzone.

Mehrere Standbeine

Andreas (Jazznrhythm.com)
Ihr habt euch inzwischen mehrere Standbeine aufgebaut.

Marie-Luise Dingler
Das gehört zum Musikerleben dazu. Es gibt intensive Tourphasen und ruhigere Zeiten. Diese Leerläufe nutze ich für andere Projekte.

Aus meinen Erfahrungen mit Booking, Pressearbeit und YouTube sind inzwischen Webinare entstanden, die ich unter anderem über die GEMA oder den Tonkünstlerverband anbiete.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Du engagierst dich außerdem in verschiedenen Verbänden.

Marie-Luise Dingler
Ja. Ich bin unter anderem bei der GEMA, der GVL, Pro Musik und dem Tonkünstlerverband aktiv. Berufsverbände sind wichtig, wenn sie die Interessen von Musikern tatsächlich vertreten.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Gerade Pro Musik scheint da einiges zu bewegen.

Marie-Luise Dingler
Der Verein ist noch jung, aber er füllt eine Lücke. Lange gab es kaum jemanden, der sich speziell für freischaffende Musiker eingesetzt hat.

Ich möchte mich bei Marie-Luise Dingler und Marta Danilkovich für dieses umfassende und interessante Gespräch bedanken. Innerhalb der Präsenz von Jazznrhythm.com sind klassische Konzerte und KünstlerInnen etwas weniger vertreten. Die Hoffnung ist natürlich, dass in Zukunft etwas verstärkt betrachten zu können, denn wie auch hier deutlich wir: Die Erfahrungen sind austauschbar, ähnlich, aber liefern oft auch neue Aspekte.

Klassik im Zeitalter von Streaming und KI – Ein Gespräch mit The Twiolins

Klassik im Zeitalter von Streaming und KI – Ein Gespräch mit The Twiolins

The Twiolins - Foto by Hans Altenkirch
The Twiolins – Foto by Hans Altenkirch

Die Unterschiede zwischen Klassik und Popmusik mögen – je nach Betrachtungsweise – auf den ersten Blick klein oder aber unüberwindbar erscheinen. 

Ausgehend von der gemeinsamen Komponente, der Musik, lassen sich die Gemeinsamkeiten durchaus aufzeigen, aber auch die wichtige Merkmale herausarbeiten, die zu differenten Wege und Möglichkeiten führen. 

Die Klassik gehört zu einem Spektrum der musikalischen Richtungen, die auf jazznrhythm.com seltener betrachtet werden. Dabei beinhaltet dieses Genre die spannendsten, experimentellsten und herausforderndsten Themen, die es in der Musik gibt. Wie gestalteten sich ein Stil, in dem Arrangements und Interpretation, aber auch Werktreue, und teilweise lebenslange Beschäftigung mit Stücken verstorbener KomponistInnen oftmals im Vordergrund steht?

The Twiolins sind junge, innovative Musikerinnen (Marie-Luise Dingler und Marta Danilkovich) , die als Geigenduo mit ihrer Sichtweise und ihrer Spielfreude sehr individuelle Wege einschlagen. Seit 2025 in dieser Zusammensetzung auf den Konzertbühnen zu Gast, stellen die Twiolins eine seltene und mutige Variante in dieser Kombination dar.

Ihr Engagement für die Klassik führt sie nicht nur die bekannten Orten und Festivals – auf denen sie sich mit den Werken großer KünstlerInnen und junger Talente auseinandersetzen – sondern bringt sie auch mit einem Publikum zusammen, das der Begegnung mit Klassik frisch und neu gegenübersteht. 

So traf ich die beiden Violinistinnen vor über zwei Monaten bei einer Aufführung eines Stückes für Kinder, in denen sie die Klänge ihrer Instrumente spielerisch vermittelten. Diese vielseitigen Tätigkeiten, die – neben dem Einsatz in den sozialen Medien und den Aktivitäten auf verschiedenen Plattformen – ein sehr komplexes MusikerInnen-Leben darstellen, führten zu dem folgenden Gespräch.

Aufgrund der Länge wird das Interview in zwei Teile veröffentlicht. Der erste Teil erscheint am 31.08.2026, der zweite folgt am 07.09.2026. (Link zum zweiten Teil: https://jazznrhythm.com/klassik-im-zeitalter-von-streaming-und-ki-ein-gespraech-mit-the-twiolins-teil-2)

Mehr über The Twiolins auf:

Webseite – https://www.thetwiolins.de

Das Konzert und das Publikum

Andreas (Jazznrhythm.com)
Tolles Publikum diesmal – sehr emotional und enthusiastisch. Ich war ehrlich überrascht, wie sie mitgegangen sind: Füße getrampelt und an den richtigen Stellen richtig mitgelebt.

Marta Danilkovich
Das war auch so geplant – eine geführte Explosion, ein Mitmachkonzert.

Marie-Luise Dingler
Aber sie waren wirklich sehr responsive.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Die Kinder heute Morgen waren zurückhaltender?

Marie-Luise Dingler
Ja, sehr vorsichtig und zart. Das waren sehr sensible Kinder.

Marta Danilkovich
Man muss sie trotzdem führen. Wenn Emotionen, Aufgaben und Geschichten sich ständig abwechseln, bleibt die Aufmerksamkeit erhalten. Gerade bei Kindern ist das eine der größten Herausforderungen.

Die Geschichte des Duos

Andreas (Jazznrhythm.com)
Von euren Kinderkonzerten wusste ich gar nichts. Ich kannte nur euer aktuelles Video. Erst auf eurer Website habe ich gesehen, dass es die Twiolins schon seit über 15 Jahren gibt – und dass ihr euch in der heutigen Besetzung erst vergangenes Jahr gefunden habt.

Marie-Luise Dingler
Das Duo habe ich ursprünglich mit meinem Bruder gegründet – eigentlich spielen wir schon zusammen, seit wir zwölf Jahre alt waren. Ab 2009 wurde daraus ein professionelles Projekt mit Website, Namen und später vier CDs.

Während der Corona-Zeit hat sich mein Bruder beruflich immer stärker auf Audio- und Veranstaltungstechnik konzentriert. Ende 2024 hat er schließlich entschieden aufzuhören. Da habe ich überlegt, wie es weitergeht, und musste sofort an Marta denken. Sie hatte selbst zehn Jahre lang ein Geigenduo, daher kannte ich ihre Arbeit.

Marta Danilkovich
Wir kannten uns zwar nicht persönlich, aber wir haben uns immer aus der Ferne beobachtet.

Marie-Luise Dingler
Eigentlich waren wir die einzigen Geigenduos, die das in dieser Form gemacht haben.

Marta Danilkovich
Genau – wir waren praktisch die Konkurrenz.

Marie-Luise Dingler
Es gibt einfach sehr wenige Geigenduos. Ich habe Marta gefragt, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Wir haben eine Probe vereinbart, es hat sofort funktioniert – und dann haben wir angefangen.

Der Name „Twiolins“

Andreas (Jazznrhythm.com)
Den Namen habt ihr übernommen, obwohl sich die Besetzung geändert hat?

Marie-Luise Dingler
Ja. Einen Namen über viele Jahre aufzubauen, kostet unglaublich viel Arbeit. Website, Drucksachen, Konzertankündigungen – das alles neu aufzusetzen wäre ein riesiger Aufwand gewesen. Außerdem hatte ich bereits viele Konzerte unter diesem Namen gebucht.

Marta Danilkovich
Und weil ihr Bruder komplett mit der Musik aufgehört hat, sprach auch nichts dagegen, den Namen weiterzuführen.

Marie-Luise Dingler
Genau. Außerdem beschreibt der Name perfekt, was wir machen. Deshalb sind wir einfach dabei geblieben.

Der Kompositionspreis

Andreas (Jazznrhythm.com)
Spannend fand ich auch euren Kompositionspreis. Gibt es den noch?

Marie-Luise Dingler
Wir haben ihn insgesamt viermal ausgeschrieben. Der organisatorische Aufwand war allerdings enorm – Sponsoren finden, den Wettbewerb durchführen, das Abschlusskonzert organisieren. Während des Studiums und in den ersten Berufsjahren war dafür noch Zeit. Aber sobald der Konzertbetrieb richtig läuft, wird so etwas kaum noch machbar.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Habt ihr die eingereichten Kompositionen anschließend auch gespielt?

Marie-Luise Dingler
Ja. Aus den Gewinnerwerken haben wir Konzertprogramme entwickelt, CDs aufgenommen und Notenausgaben veröffentlicht. Davon haben die Komponisten der ersten drei Wettbewerbe sehr profitiert. Beim letzten Wettbewerb hat uns Corona ausgebremst – wir konnten das Programm nur noch einmal aufführen, eine CD ist dann nicht mehr entstanden.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Das eröffnet ja ganz neue musikalische Welten.

Marie-Luise Dingler
Das hören wir oft. In der Praxis war zeitgenössische Musik aber immer schwer zu verkaufen. Viele Veranstalter wünschen sich Mozart oder Vivaldi – also Werke, die jeder kennt. Als wir die Vier Jahreszeiten ins Programm aufgenommen haben, ist unsere Karriere deutlich angesprungen. Davor war es mit progressiver klassischer Musik wesentlich schwieriger. Es gibt ein neugieriges Publikum, aber viele möchten lieber Bekanntes hören als Neues entdecken.

Marta Danilkovich
Bekannte Programme verkaufen sich einfach leichter. Da muss man niemandem erst erklären, warum sich ein Konzert lohnt.

Klassik, Publikum und Offenheit für Neues

Andreas (Jazznrhythm.com)
Von außen betrachtet wirkt die Klassikwelt manchmal ungewöhnlich. Es gibt unzählige hervorragende Aufnahmen, aber kaum einen Sammlermarkt oder Wiederverkaufswert für Tonträger. Oft hört man: „Warum soll ich mir noch eine Aufnahme der Vier Jahreszeiten kaufen?“ Dabei klingt eure Version völlig anders als viele andere.

Marta Danilkovich
Unsere Bearbeitungen eröffnen tatsächlich eine neue Perspektive. Ursprünglich ist das Werk für Solovioline und Kammerorchester geschrieben, wir übertragen es auf zwei Geigen.

Dafür muss man fast selbst zum Komponisten werden. Aus zehn, zwanzig oder noch mehr Stimmen entsteht am Ende eine Fassung für zwei Instrumente, die trotzdem die Essenz des Werks bewahrt. Das ist weit mehr als reine Interpretation.

Marie-Luise Dingler
Trotzdem interessieren sich nur wenige Menschen für unterschiedliche Interpretationen desselben Stücks. Das machen vor allem echte Klassikliebhaber. Die meisten möchten einfach schöne Musik hören. Ob es davon zehn verschiedene Einspielungen gibt, spielt für viele keine große Rolle.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Hat es die Klassik heute schwerer als Rock oder Pop?

Marta Danilkovich
Jedes Genre hat seine eigenen Herausforderungen. Pop lebt von Rhythmus, Groove und eingängigen Strukturen. Jazz verlangt Improvisation und damit kreatives Komponieren im Moment.

Die klassische Musik ist über Jahrhunderte gewachsen. Große Werke besitzen viele Ebenen, die sich nicht beim ersten Hören erschließen. Gerade das macht sie faszinierend. Selbst wenn man ein Stück über Jahre spielt, entdeckt man immer wieder neue Farben, Harmonien und Zusammenhänge. Deshalb bleibt klassische Musik lebendig.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Das gilt also auch für euch als Musikerinnen?

Marta Danilkovich
Auf jeden Fall. Popstücke können nach vielen Wiederholungen langweilig werden. Bei klassischer Musik wächst man ständig weiter. Man arbeitet sich an Werken ab, die einen immer wieder fordern. Gerade diese Herausforderung macht den Reiz aus.

Marie-Luise Dingler
Man sollte dabei nicht vergessen: Klassik funktioniert nach wie vor. Wir leben von gut besuchten Konzerten. Natürlich füllen wir keine Arenen, aber unsere Säle mit 100 bis 200 Besuchern sind regelmäßig voll. Und große Orchester beweisen ebenfalls, dass klassische Musik ihr Publikum findet.

Offenheit für Neues

Andreas (Jazznrhythm.com)
Mir ging es eigentlich um die Offenheit des Publikums. Im Pop scheint Neues oft leichter akzeptiert zu werden. In der Klassik wünschen sich viele eher das Bekannte.

Marta Danilkovich
Neue Musik braucht oft Zeit. Viele Werke werden erst Jahre oder Jahrzehnte später wirklich angenommen.

Marie-Luise Dingler
Aber welches Publikum ist wirklich offen für Neues? In jedem Genre gibt es nur einen kleinen Teil, der bewusst nach neuen Ideen sucht. Die meisten Menschen bleiben lieber bei Bekanntem.

Marta Danilkovich
Das liegt nicht nur an der Musik. Menschen haben grundsätzlich Angst vor Veränderungen. Das gilt für neue Nachbarn genauso wie für neue Gesetze oder neue Kunst.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Streamingdienste müssten diese Offenheit doch eigentlich fördern.

Marie-Luise Dingler
Theoretisch schon. Praktisch erscheinen jeden Tag so viele neue Veröffentlichungen, dass niemand sie alle wahrnehmen kann. Dieses Überangebot schafft eher Orientierungslosigkeit.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Und man verliert die Möglichkeit, sich wirklich intensiv mit Musik auseinanderzusetzen.

Marta Danilkovich
Genau. Heute muss alles schnell gehen. Dadurch fehlt oft die Geduld, sich über längere Zeit auf ein Werk einzulassen.

Soweit der erste Teil des Interviews. Im 2. Teil geht es vor allem Social Media, KI und Streaming. Themen also, die unabhängig vom Genre alle MusikerInnen betreffen und sich mehr und mehr in den Vordergrund drängen.

Interview mit dem Vinylexpress zum 8ten Vinylflohmarkt am 16.05.2026

Interview mit dem Vinylexpress zum 8ten Vinylflohmarkt am 16.05.2026

Vinylflohmarkt in der Kulturküche
Vinylflohmarkt in der Kulturküche

Am 16.05.2026 ist es wieder soweit: Der Vinylexpress präsentiert den 8ten Vinylflohmarkt in der Kulturküche Karlsruhe. In der Kombination handelt es sich um eine einmalige und liebenswerte Tradition, über die schon auf jazznrhythm.com berichtet wurde.

Der Vinylflohmarkt ist eine Institution für Plattensammler, Vinyl-Liebhaber, aber vor allem für jene Sorte Mensch, die sich freut auch ein bißchen neben dem Mainstream zu fischen und die Händler persönlich kennen zu lernen. Dabei in einer sehr gemütlichen Atmosphäre den Tag zu verbringen.

Zu loben sind die beiden Beteiligten: Der Vinylexpress als Veranstalter, und die Kulturküche als Location, die ebenfalls ein sehr gelungenes, eigenständiges Konzept anbieten kann. Bei der Kulturküche handelt es sich um ein soziales Angebot für die Gemeinschaft. Untergebracht in einem der ältesten Häuser der Innenstadt bietet die Kulturküche einen Treffpunkt für alle an, an dem keine festen Preislisten ausliegen, sondern mit gespendeten Kuchen das gezahlt wird, was angemessen ist bzw. das Portmonee hergibt.

Es war also an an der Zeit mit Lucas vom Vinylexpress über das Konzept und die Idee hinter dem kleinen Vinylflohmarkt zu sprechen. Da er sowohl mit der Ausrichtung, aber auch der Gestaltung sehr eigene Wege geht – und der Erfolg ihm Recht gibt -war es sehr interessant, einmal die Unterschiede zu den bekannten Schallplattenbörsen aufzeigen.

Vinylflohmarkt am 16.05.2026 in der Kulturküche Karlsruhe
Vinylflohmarkt am 16.05.2026 in der Kulturküche Karlsruhe

Andreas (Jazznrhythm.com):
Ich habe viele Jahre nicht in Karlsruhe verbracht und deine Vinylexpress-Zeit gar nicht mitbekommen. Ich stelle mir das so vor: Du bist mit dem Fahrrad zu Flohmärkten gefahren und hast dort Platten verkauft. Stimmt das?

Lucas (Vinylexpress):
Halb. Ich bin tatsächlich mit dem Fahrrad gefahren, aber es war ein altes Lastenrad, so eine frühe „Long John“-Variante mit Ladefläche vorne. Die wurden früher für Post oder Bäckereien genutzt. Die Idee kam von jemandem aus der Schweiz, den ich auf Instagram gesehen habe – der hat genau so Platten verkauft. Ich fand das super und habe mir innerhalb einer Woche selbst so ein Rad besorgt.

Wir haben dann eine Box draufgebaut und ich bin damit auf Flohmärkte gefahren. In der Praxis war das aber ziemlich anstrengend. Mit 200 Platten, Box und meinem eigenen Gewicht war das kaum noch fahrbar. Es sah gut aus und hatte einen starken Werbeeffekt, aber praktisch war es nicht. Deshalb hat oft ein Freund meine Platten mitgenommen und ich bin nur hinterhergefahren.

Andreas:
Warst du nur in Karlsruhe unterwegs?

Lucas:
Ja, hauptsächlich lokale Märkte, Messplatz, Stephanplatz oder kleinere Aktionen wie Hof-Flohmärkte. Aber es war insgesamt überschaubar. Später hat sich das Ganze ohnehin verlagert, weil ich einen Platz im Laden in der Südstadt bekommen habe. Dort wurde der Raum zum eigentlichen Anlaufpunkt, das Fahrrad stand eher als Blickfang davor.

Irgendwann habe ich es verkauft – kurz vor der Geburt meines Kindes. Es war schön, aber stand am Ende mehr rum, als dass ich es genutzt habe.

Andreas:
Dein Schwerpunkt liegt klar im Hip-Hop-Bereich, oder?

Lucas:
Ja. Ich komme ursprünglich aus dem Hip-Hop, habe über ein Schulpraktikum eine Radiosendung gemacht und darüber viele Künstler kennengelernt. Später habe ich auch Konzerte organisiert, vor allem im Bereich 90er-Hip-Hop. Dadurch ist die Leidenschaft entstanden, und so hat auch das Sammeln angefangen.

Mein Musikgeschmack ist privat inzwischen breiter – viel Gitarrenmusik, auch Elektronisches, ein bisschen Jazz. Aber beim Verkaufen konzentriere ich mich bewusst auf wenige Genres, vor allem 90er-Hip-Hop. Das ist der Bereich, in dem ich mich auskenne.

Vinylflohmarkt in der Kulturküche
Vinylflohmarkt in der Kulturküche

Andreas:
Warum diese klare Fokussierung?

Lucas:
Weil alles andere mich überfordern würde. Wenn du auf Flohmärkten einkaufst, müsstest du sonst jede Kiste komplett durchgehen. Das ist extrem anstrengend. Ich konzentriere mich lieber auf das, was ich kenne – da weiß ich, was Sinn ergibt, was gefragt ist und was Qualität hat.

Mir ist auch wichtig, keine Massenware zu haben. Lieber eine kleine, gut kuratierte Auswahl. Ich habe meist vier Kisten dabei, und die sollen so zusammengestellt sein, dass man nicht überfordert ist. Qualität statt Masse.

Andreas:
Du hast dich bewusst für einen Vinyl-Flohmarkt entschieden und nicht für eine klassische Börse. Warum?

Lucas:
Weil mir Börsen oft zu stressig und ungemütlich sind. Es geht dort hauptsächlich ums Verkaufen, die Atmosphäre ist häufig hektisch. Ich komme aus dem Veranstaltungsbereich und habe einen anderen Anspruch: Für mich muss ein Event als Ganzes funktionieren.

Ich wollte einen Ort schaffen, an dem man sich gern aufhält. Gute Location, Essen, Getränke, Musik – und natürlich Platten. Aber eben nicht nur als Verkaufsfläche, sondern als Treffpunkt. Auf Börsen gehst du rein, kaufst und gehst wieder. Bei mir sollen die Leute bleiben.

Andreas:
Das Konzept ist also bewusst kuratiert?

Lucas:
Ja. Ich schaue genau, wer kommt. Keine großen Händler mit riesigen Ständen, sondern eher kleinere Anbieter, Semiprofis und Privatleute. Unterschiedliche Genres, aber keine Massenware.

Mir ist wichtig, dass es eine Mischung gibt: Spezialisten, Plattenläden und auch private Verkäufer. Gerade die privaten sind spannend, weil man nie weiß, was sie dabeihaben. Das macht für mich den Flohmarkt-Charakter aus.

Andreas:
Man merkt auch, dass Händler aus dem Ausland kommen, etwa aus Frankreich. Das ist ungewöhnlich.

Lucas:
Ja, viele davon trifft man sonst nirgends. Die kommen gezielt, weil sie das Konzept mögen. Und umgekehrt wissen die Besucher auch: Da sind Leute, die man nicht überall sieht. Das schafft eine andere Dynamik als auf klassischen Börsen.

Andreas:
Ist dein Publikum anders als bei klassischen Börsen?

Lucas:
Ja, deutlich jünger und gemischter. Viele Studenten, viele Leute aus der Szene, auch Menschen, die zum ersten Mal Platten kaufen. Dazu kommen natürlich auch erfahrene Sammler, aber insgesamt ist es weniger dieses klassische „Nerd-Publikum“.

Das liegt auch daran, wie ich werbe – viel über Social Media und weniger über klassische Plakate.

Andreas:
Bleibst du bei der Kulturküche als Location?

Lucas:
Ja, solange es für alle passt. Das Konzept dort finde ich sehr besonders – viele Nischenangebote, viel Engagement, ein offener Rahmen. Das passt gut zum Flohmarkt.

Die Einnahmen aus den Standgebühren gehen komplett an die Kulturküche. Ich verdiene daran nichts, das ist bewusst so. Für mich ist das ein Hobby und ein Projekt, das sich inhaltlich stimmig anfühlen muss.

Andreas:
Planst du Erweiterungen, etwa größere Events?

Lucas:
Ich habe überlegt, im Sommer etwas Größeres oder auch draußen zu machen, vielleicht in Kombination mit anderen Veranstaltungen. Aber das ist organisatorisch nicht so einfach. Viele Locations überlegen genau, ob sich so etwas lohnt.

Grundsätzlich will ich das Format aber bewusst klein halten. Sobald es zu groß wird, verliert es seinen Charakter.

Andreas:
Wie wählst du die Teilnehmer aus?

Lucas:
Es gibt Stammleute, die ich früh informiere. Dazu kommen neue Anfragen, sowohl von Privatleuten als auch von Händlern. Ich schaue mir immer an, wer sich bewirbt und was angeboten wird.

Private Verkäufer ziehe ich oft vor, weil sie den Flohmarkt-Charakter stärken. Wichtig ist mir eine gute Mischung. Wenn es zu einseitig wird, verwässert das Konzept.

Andreas:
Also bewusst Auswahl statt „jeder kann kommen“?

Lucas:
Genau. Nicht aus Arroganz, sondern weil es sonst nicht funktioniert. Der Rahmen ist klein, und ich möchte, dass das Gesamtbild stimmt – für die Verkäufer und für die Besucher.


Mit ziemlicher Sicherheit wird auch der aktuelle Vinyl-Flohmarkt auch wieder über die Grenzen von Karlsruhe Sammler anziehen, und man darf gespannt sein, wer sich alles einfindet. Soweit bekannt wird auch der Podcast „Vinyl und“ anwesend sein und Live vom Flohmarkt berichten. Auch hier handelt es sich um ein sehr neues, für Karlsruhes Szene interessantes Konzept.

Externe Links:

Vinylexpress – https://www.facebook.com/vinylexpresskarlsruhe

Kulturküche Karlsruhe – https://kulturkueche-karlsruhe.de

Vinyl und – https://www.instagram.com/vinylund/

Interview mit DJ Wendelgaard über Soul, Jazz und besondere Locations

Interview mit DJ Wendelgaard über Soul, Jazz und besondere Locations

DJ Wendelgaard
DJ Wendelgaard

Wer Norwegen kennt, vor allem im Winter, wird wissen, wie sehr das Land von geprägt ist von seinen scheinbaren endlosen Wäldern, schneebedeckten Bergen, aber auch welch eine spannende Musikkultur dort möglich ist. Meine Reise durch einen kleinen Teil Norwegens führte mich vor allem durch Konzerthallen und Plattenläden der Städte Oslo und Bergen. Geprägt von einer einzigartigen Metalkultur, hat sich in Norwegen auch eine lebendige Jazzszene und etwas, das sich Nordicana nennt, etabliert.

Im Rahmen meiner Reise lud ich Eindrücke auf diese Webseite, aber auch in Social Media, hoch Und lernte dabei DJ Wendelgaard durch einen Austausch auf den bekannten Plattformen kennen. Sie überraschte mich durch sehr eigene Events in beneidenswerten Locations. Fernab von den Tanzflächen dieser Welt bewegt sich dabei in einem Ambiente, das neidisch und staunen macht. Es ist die nicht zu unterschätzende Aufgabe des kuratierens, die in der Wirkung mit Ort und Gelegenheit einem Event zur entsprechenden Stimmung verhelfen kann. Ich wollte mehr darüber wissen, und wir verabredeten die Aufnahme eines Podcasts. 

Ich bin der langsamste, und unentschlossenste Podcaster, der sich im Netz findet, hadere immer mit der Tonqualität und so kommt es nun zu dazu, dass das, was einst als Podcast geplant war, ein transkribiertes Interview ist. 

Andreas (JAZZNRHYTHM.com): Samanta, ich freue mich sehr, dass wir unser Gespräch wiederholen können. Beim letzten Mal ist die Aufnahme leider verloren gegangen. Umso schöner ist es, dass wir heute noch einmal zusammenkommen. Beginnen wir mit einer einfachen Frage: Wie haben wir uns eigentlich kennengelernt?

Wendelgaard (DJ): Das verdanken wir deiner Norwegen-Reise. Du warst in Oslo und Bergen unterwegs und hast Konzertlocations, Plattenläden und Veranstaltungen porträtiert. Besonders dein Bericht über den Plattenladen Apollon Records in Bergen hat mich angesprochen. Ich habe mir daraufhin deinen Blog und deine Instagram-Seite angesehen und war beeindruckt von deiner Leidenschaft für Musik. So sind wir schließlich in Kontakt gekommen.

Andreas: Ich erinnere mich gut. Aufgrund deines Namens dachte ich zunächst, du würdest aus Norwegen stammen.

Wendelgaard: Das passiert tatsächlich häufig. Ich komme zwar nicht aus Norwegen, aber ich liebe Skandinavien. Seit etwa fünf oder sechs Jahren reise ich regelmäßig dorthin und verbringe viel Zeit in Norwegen und Schweden. Diese Verbundenheit spiegelt sich auch in meinem Künstlernamen wider.

Andreas: Was fasziniert dich so sehr an Skandinavien?

DJ Wendelgaard  bei Brunch and Beats im Cafe am Markt in Marburg
DJ Wendelgaard bei Brunch and Beats im Cafe am Markt in Marburg

Wendelgaard: Es ist die Kombination aus Natur, Kultur und Lebensgefühl. Die Weite der Landschaften, das besondere Licht und die Ruhe inspirieren mich. Gleichzeitig sind die Menschen offen für Kunst und neue musikalische Ideen. Diese Mischung hat mich von Anfang an begeistert.

Andreas: Als ich mich näher mit deiner Arbeit beschäftigt habe, fiel mir auf, dass du an außergewöhnlichen Orten auflegst – nicht in Clubs, sondern in stilvollen und exklusiven Locations. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Wendelgaard: Sehr gern. Ein besonders prägendes Engagement hatte ich in den historischen Frescohallen in Bergen. Dort habe ich klassischen Jazz auf Vinyl aufgelegt. Die Atmosphäre war einzigartig – die Musik fügte sich perfekt in die Architektur und das Ambiente ein. Es war ein unvergesslicher Moment für mich.

Andreas: Wird bei solchen Veranstaltungen getanzt, oder steht die Musik eher im Hintergrund?

Wendelgaard: Beides ist möglich. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Atmosphäre. Die Musik begleitet das Essen und die Gespräche, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Es geht um Genuss und Entspannung.

Andreas: Ein ähnliches Setting hattest du auch in Schweden, richtig?

Wendelgaard: Ja, in Strömstad, das oft als „schwedische Riviera“ bezeichnet wird. Dort habe ich in einem Spa- und Resort-Hotel Lounge-Musik auf Vinyl gespielt. Die Musik fügte sich harmonisch in die Umgebung ein und schuf eine besondere Stimmung.

Andreas: Wie kommst du zu solchen Engagements?

Wendelgaard: Sowohl durch eigene Initiative als auch durch Anfragen. Wenn ich eine Location entdecke, die mich inspiriert, spreche ich die Betreiber an. Oft entsteht daraus eine Zusammenarbeit. Gleichzeitig melden sich Veranstalter bei mir über Social Media oder Empfehlungen.

Andreas: Für viele Veranstalter dürfte das ein Experiment sein.

Wendelgaard: Das stimmt. Der erste Auftritt ist immer eine Art Versuch. Doch die Resonanz ist meist sehr positiv. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn Menschen die Musik genießen und gemeinsam besondere Momente erleben.

DJ Wendelgaard In der SPIN Bar - Listening Bar in München
DJ Wendelgaard In der SPIN Bar – Listening Bar in München

Andreas: Welche Rolle spielt Vinyl in deiner Arbeit?

Wendelgaard: Eine sehr große. Vinyl hat eine besondere Klangqualität und vermittelt ein Gefühl von Authentizität. Außerdem verleiht es den Veranstaltungen eine zusätzliche Wertigkeit. Das bewusste Auflegen von Schallplatten passt hervorragend zu stilvollen und ruhigen Settings.

Andreas: Welche Künstler finden sich typischerweise in deinen Sets?

Wendelgaard: Vor allem Klassiker des Jazz: Nina Simone, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Nat King Cole und Blossom Dearie. Auch Frank Sinatra und Dean Martin gehören dazu. Ergänzend spiele ich Künstler wie Gregory Porter, Norah Jones oder George Benson.

Andreas: Du bist musikalisch sehr vielseitig.

Wendelgaard: Ja, ich bleibe offen. Selbst Fleetwood Mac integriere ich gelegentlich in Lounge-Sets. Stücke wie „Dreams“ passen hervorragend in eine entspannte Atmosphäre.

Andreas: Das zeigt, wie fließend die Grenzen zwischen Jazz, Lounge und Pop sein können.

Wendelgaard: Genau. Entscheidend ist die Wirkung eines Songs. Wenn er zur Stimmung beiträgt, findet er seinen Platz im Set.

Andreas: Wie reagieren die Gäste auf deine Musik?

Wendelgaard: Oft sprechen sie mich an, wenn sie ein Stück wiedererkennen. Viele verbinden persönliche Erinnerungen mit der Musik. Das macht solche Momente besonders emotional und schön.

Andreas: Zu welchen Tageszeiten finden deine Auftritte statt?

Wendelgaard: Meist tagsüber – zum Frühstück, Brunch oder Dinner. Jazz ist vielseitig und eignet sich für viele Gelegenheiten.

Andreas: Spricht deine Musik ein bestimmtes Publikum an?

Wendelgaard: Nein, sie ist generationsübergreifend. Die gleichen Menschen, die abends im Club tanzen, genießen tagsüber entspannte Jazzmusik.

Andreas: Wie bist du selbst zur Musik gekommen?

Wendelgaard: Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Musik allgegenwärtig war. Das Radio lief ständig, und ich wurde mit unterschiedlichsten Genres vertraut. Musik war immer ein Bestandteil des Lebens.

Andreas: Gab es einen konkreten Moment, der dich zum Auflegen brachte?

Wendelgaard: Ja, in Schweden. In einem Secondhandladen entdeckte ich rund dreißig Jazzplatten für jeweils einen Euro. Ich nahm sie alle mit und fragte mich anschließend, was ich mit ihnen tun sollte. Mir wurde klar, dass Musik gehört werden muss – und so begann meine Reise als DJ.

Andreas: Wann hattest du deinen ersten Auftritt?

Wendelgaard: Ein Bekannter vermittelte mir einen Gig in einer Bar in Köln. Dort konnte ich erstmals auflegen und merkte sofort, wie viel Freude mir das bereitete.

Andreas: Deine Musik richtet sich eher an Genießer als an Tänzer.

Wendelgaard: Genau. Wenn getanzt wird, dann eher langsam – und manchmal hilft auch ein Glas Wein. (lacht)

Andreas: Du verbringst viel Zeit in Skandinavien. Wie verteilt sich das?

Wendelgaard: Etwa 30 Prozent meiner Zeit verbringe ich in Norwegen und Schweden, den Rest überwiegend in Köln und Umgebung.

Andreas: Wie erlebst du die Jahreszeiten im Norden?

Wendelgaard: Die Winter sind lang und dunkel, während die Sommer von nahezu endlosen Tagen geprägt sind. Beide Extreme haben ihren eigenen Reiz und inspirieren mich auf unterschiedliche Weise.

Andreas: Bergen hat dich besonders beeindruckt.

Wendelgaard: Ja, es ist eine echte Jazzstadt mit einem eigenen Jazzfestival. Die Offenheit gegenüber neuen Klängen ist faszinierend.

DJ Wendelgaard
DJ Wendelgaard

Andreas: Während meiner Norwegenreise fiel mir auf, dass das Land stark von Heavy Metal geprägt ist. Umso überraschender war deine Jazzpräsenz.

Wendelgaard: Das macht den Reiz aus. Skandinavien ist musikalisch vielseitig – von Metal bis Free Jazz. Diese Vielfalt ist inspirierend.

Andreas: Welche musikalischen Einflüsse prägen dich besonders?

Wendelgaard: Neben den Jazzklassikern schätze ich auch Bossa Nova, Swing und Lounge-Musik. Entscheidend ist für mich die emotionale Wirkung.

Andreas: Gibt es besondere Momente, die dir in Erinnerung geblieben sind?

Wendelgaard: Ja, wenn Gäste lächelnd zuhören oder sich für die Musik bedanken. Diese Augenblicke sind unbezahlbar.

Andreas: Du schaffst also Klangräume, die Erinnerungen entstehen lassen.

Wendelgaard: Das ist ein schönes Bild – und genau das ist mein Ziel.

Andreas: Zum Abschluss eine Gegenfrage: Welche musikalische Entdeckung hat dich zuletzt überrascht?

Wendelgaard: Eine musikalische Entdeckung, die zwar schon ein paar Jahre her ist, aber mich bis heute immer wieder begeistert, ist die US-amerikanische Jazz-Pop-Band Lake Street Dive. Die Musiker mischen herausragend Jazz, Pop und auch Soulelememte und setzen mit ihren guten Texten noch einen oben drauf. Ich bin nachhaltig begeistert von der musikalischen Leichtfüßigkeit und Authentizität. Welche musikalische Entdeckung ist es denn bei dir?

Andreas: Mich beeindrucken immer wieder junge Bands in kleinen Karlsruher Locations wie dem KOHI oder dem nun. Zuletzt haben mich Flora Falls, Paula Paula und die Punkband Sexbeat nachhaltig beeindruckt. Außerdem freue ich mich auf ein Wohnzimmerkonzert der Singer-Songwriterin Anne P.

Wendelgaard: Das klingt wunderbar. Ich bin gespannt auf deinen Bericht.

Andreas: Samantha, vielen Dank für das inspirierende Gespräch.

Wendelgaard: Ich danke dir. Es hat mir große Freude bereitet.

Andreas: Bis zum nächsten Mal.

Wendelgaard: Sehr gern. Auf Wiedersehen!

Externe Links:

DJ Wendelgasard – https://linktr.ee/dj.wendelgaard?