In den frühen achtzigern Jahren gewann man den Eindruck, dass Mathilde Santing im Rahmen der damals sehr populären Popjazz-Welle eine internationale Karriere angestrebt hatte. Es erschien zu jener Zeit eine 10-inch EP, die gut in das Fahrwasser der KünstlerInnen passte, die wie Anna Domino, Isabel Antena, aber auch Carmel eine Mittelding zwischen dem tanzbaren Jazz der Nachkriegsära und dem New Wave der Achtziger suchten.
Mathilde Santing verfolgte ihren Weg in den Niederlanden weiter. In Deutschland eher unbekannt, sang sie englisch, verfeinerte ihr Songwriting und damit einen durchaus eigenständigen Stil.
„Water under the Bridge“ ist ein reich, instrumentiertes Werk, das aus dem Vollen schöpft und sich neben dem eigenen Pianospiel erlaubt intensiv all das zu nutzen, was man ihr zur Verfügung stellte. Damit repräsentiert sie sowohl im Gesang, wie im Konstrukt der Melodie die Achtziger, aber auch eine Liebe zur verspielten Akustik – die dann auf vielen Ebenenen zeitlose Elemente einbindet. Vieles kann daher wiederentdeckt werden. Dank ihr ihrer klaren Stimme und Intonation bereitet es heute noch Freude. Mathilde Santings Können hat ihr über die Jahre eine beachtliche, stabile Karriere beschert, die es verdient hätte, überregional – auch außerhalb der Niederlande – größere Beachtung zu finden.
Tonspur ist eine kleine Reihe, die in kurzen und knappen Beschreibungen (maximal 200 Wörter) sich mit den Alben befasst, die ich im Laufe des Tages anhöre. Sie folgt damit keinem Genre und keiner Reihenfolge. Ist lediglich nummeriert
Alina Sebastian (Support: Selina Cifric) im Tempel, Karlsruhe, am 15.03.2025
Als ich vor einigen Wochen im eisigen Oslo einen Country Act im Rockefeller erlebte, war ich überrascht über die vielen Cowboy-Hüte und enganliegende Hemden. Überhaupt über den ernst gemeinten Versuch, das ganze Event authentisch zu erleben.
Soweit sind wir noch nicht. Country in Deutschland ist geprägt von Gunter Gabriel, Ronny und Truck Stop. Eine ganze Richtung, die einen sehr gemütlichen Ruf geniesst.
Währenddessen jedoch passieren verschiedene Dinge: In der Heimat des Country gibt es Crossover-Versuche, die ausgesprochen populär sind und sicherlich Puristen irritieren. Country in Verbindung mit RnB, Country mit Hip Hop, Countryalben von Beyonce oder sehr moderne, Linedance-orientierte Stücke von Dasha und CeCe Frey. Das sieht nach einer Renaissance aus.
Gleichzeitig etabliert sich in Europa eine Americana-Bewegung, die stark im skandinavischen Raum vertreten ist als Nordicana, aber auch in Deutschland immer mehr Zuspruch erhält. Im Augenblick emanzipiert sich der europäische Country von seinen amerikanischen Vorbildern. Die Bewegung orientiert sich an einem ursprünglichen, oft mit dem Folk verbundenen Spielarten.
Und was dabei herauskommt, das kann großartig sein. Doch der Reihe nach.
Alina Sebastian spielte im Tempel.Im Vorprogramm leistete sie sich einen rauen, kantige Rohdiamanten. Selina Cifrik hat die Stimme, und die Energie große Dinge zu verkünden. Ihre Songs wirken ungeschliffen, rau, nahe und im guten Sinne wie Punk. Machen Songwriterinnen Punk, dann müssen sie sich wie Selina Cifrik anhören, die ungehemmt und angstfrei die Dinge angeht. Entschlossen, es zu rocken.
Bewaffnet mit einer Gitarre stemmte sie ihre Songs wuchtig vor dem Publikum. Überraschte mit ihrem natürlichen Charme, der so einnehmend war, dass sie es sich als Vorgruppe erlauben konnte, das Publikum beim zweiten Stück zum Mitsingen aufzufordern. Mutig. Und das steht über allem, der Kraft, der rauchigen, knarzigen Stimme, die in ihren Tonarten sowohl Verletzlichkeit wie Wut präsentieren mag und der Botschaft an das Gute in uns. Das sind die großen Themen, so lässig und leicht präsentiert, dass man ihr Respekt zollen muss. Wird man noch von hören.
Dass Alina Sebastian sich jede Vorgruppe leisten kann, bewies sie kurz darauf mit ihrer Band. Es bereitet Hoffnung und Freude für das ganze Genre, jemanden zu sehen, die alle Gradwanderungen zwischen Rock und Pop mit Charme und Virtuosität meistert. Sie schließt da an, wo die großen Namen der europäischen Countrybands ihre Grenze an Deutschland festlegen möchten. Soll heißen: Wir haben hier eine Band, die mit allen Wassern gewaschen ist, die die Richtung rocken und tanzbar machen kann. Ganz wie man möchte.
Weil Country immer noch etwa ist, dass man erklären, verteidigen und beim Plattenhändler unterm Tisch suchen muss, war der Tempel luftig besucht. Platz genug für beinharte Fans und solche, die es werden wollen. Aber die Bandbreite, die Alina mit ihrer Band vorlegte, dürfte überrascht haben. Anklänge an die luftigen Klänge der frühen Siebziger-Helden, die den Country als Abwechslung einfließen ließen, harte und vermischte Melodien, die im Gewitter der Instrumente, an die bluesigen Stoner unserer Tage erinnern und poppigen, und dennoch traurigen Balladen der großen Chanteusen des Country. Es ist der Band hoch anzurechnen, dass sie das alles wagt, aber auch kann.
Das faszinierende an Alinas variantenreichem Gesang ist, wie schnell man vergisst, eben nicht in Nashville zu sein. Zugegeben, ich hatte weniger Nähe an den Ursprüngen erwartet, und war daher verliebt in das Banjo, aber auch in die mutige Einbindung des Instrumentes in einem der rhythmischsten Stücke des Abends. Sie spielten kein Bluegrass, kein Western Swing, aber waren so sehr an den modernen Versionen dieser Spielarten, dass es eine Freude war zu zu sehen. Viel Können, viel akkurates Setzen der Zitate und Liebe zum Ursprung der Richtung, so dass man von einer ernstzunehmenden, erstaunlich jungen Band sprechen kann, die hier in Deutschland etwas bewegen könnte.
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