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Kategorie: Schallplatten

Hier geht es vor allem um Vinyl. Dabei werden weniger die technischen Eigenschaften betrachtet, als viel mehr Anekdoten zu dem Thema eingebunden.

Baden Powell canta Vinicius de Moraes e Paolo Cesar Pinheiro

Baden Powell canta Vinicius de Moraes e Paolo Cesar Pinheiro

Wenn ich über brasilianische Musik berichte, dann gibt es zwei Dinge zu beachten: Ich verstehe kein Wort der Sprache. Kann maximal erahnen um was es geht, weil die ständige Wiederholung natürlich irgendwann mal dazu führt, dass man das Gefühl hat, etwas zu verstehen. Aber es ist nicht so. Und ich bin mir durchaus bewußt, dass mir damit etwas ganz essentielles der brasilianischen Musik verloren geht. Ich sitze mit einem offenen Mund da, wenn ich bei manchen Konzerten erfahre, um was in den Songs geht, die ich schon seit Jahren höre.

Und das andere ist: Es gibt, in meinen Augen, keine schlechte Platte von Baden Powell. Daher kaufe ich diese ohne vorher zu wissen, was mich daheim erwartet. Und ich habe das Gefühl es reiht sich ein Meisterwerk an das nächste. 

Die meisten Baden Powell Platten, die heute erscheinen, sind Compilations oder sehr sorgfältig kuratierte Werke, in den beflissen durch seine Geschichte geführt wird. Das ist gut, und zeigt, wie wichtig er war, und welchen Einfluss er auf Gitarristen bis heute hat.

Viele Aufnahmen sind sehr reduziert auf ihn, seine Gitarre und lassen ihm den notwendigen Raum zur Improvisation. Hier unterscheidet sich „Canta Vincius de Moares e Paolo César Pinheiro“. Baden Powell interpretiert hier ausschließlich die Texte der zwei Poeten Vincius de Moares (1913-1980) und Paolo César Pinheiro (1949-). Die Musik und die Arrangements stammen von ihm. Eingebunden in eine Band aus Andre Appino (Drums), Luigi Trussardi und Sam Kelly, Nilton Marcelino, Vilton Vasconcelos ist das Gitarrenspiel Baden Powells mehr Begleitung seines eigenen Gesangs.

Baden Powells Stimme zeichnet sich durch eine angenehme Sanftheit aus, die die Texte teils schmeichelnd wiedergibt, aber auch in eine melodische Erzählweise, die man heute, weil rhythmisch und dennoch entschloss, wahrscheinlich eine Art Rap nennen würde. Aber 1977 spielte Rap in Brasilien noch keine Rolle, von daher hinkt der Vergleich. 

Ungewöhnlich ist das dichte Arrangement, dass viele Elemente der traditionellen brasilianischen Musik vereinigt, und dabei auch eine Art Response, sowie treibende Percussions integriert. Wie so viele Werke wurde auch „Canta Vincius de Moares e Paolo César Pinheiro“ im Europa, quasi im Exil aufgenommen. Umso überraschender und beeindruckender ist es, wie sehr es in den Traditionen der brasilianischen Musik verwurzelt ist. 

Spricht man in Europa von brasilianischer Musik, dann handelt es sich normalerweise um Bossa Nova, Samba und MPB. Dabei ist sie viel reicher und bunter, als ich es hier darstellen könnte. MPB (Musica Popular Brasileira) stellt hier den größten Anschluss an die westliche Musik dar, da sie eigentlich aus einer direkten Linie der anglo-amerikanischen Musik in den Bossa Nova einfloss. Aber auf diesem Weg etwas ganz eignes wurde.

Die Vermischung ist so gelungen, dass ich gerade bei dieser Platte die größten Schwierigkeiten hätte, sie einzuordnen. Unabhängig davon, dass alle Stücke qualitativ hinsichtlich ihres Gesangs und der Begleitung auf einem hohen Niveau spielen, bedient sich Baden Powell aller Genrearten und Elemente, die zwischen Samba und MPB liegen. 

Was ich mir jetzt noch wünsche, dass ist eine Neu-Edition dieser wunderschönen Platte, mit allen Übersetzungen und Hinweisen zu den beiden Textern. Aber das wünsche ich mir eigentlich bei jeder brasilianischen Platte.

Externer Link: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Baden_Powell_de_Aquino

Cinematic Orchestra – To Believe

Cinematic Orchestra – To Believe

Es kommt scheinbar schmucklos daher, dass fünfte Studioalbum des Cinematic Orchestras. Es war das erste Album, das nach 12 Jahren im Jahr 2019 erschien. Verpackt in einer gemeinsamen Hülle wiegen die beiden LPs mit ihrer Karton-Innenhülle schwer und wuchtig in der Hand. Und das haben sie mit dem Sound gemeinsam. Das Cinematic Orchestra bietet einen epischen Klangteppich aus Electronic, wirklichem Orchester und Soul inspirierten Stücken. 

Auf dem Cover findet sich nichts als die Worte „Cinematic“ auf der Vorderseite und „Orchestra“ auf der Rückseite. Nichts was darauf schließen lässt, was es enthält und beim ersten Hören fällt auf, dass das sicherlich die Absicht war. Denn, angesichts der vokalen Gaststars (Moses Sumney, Roots Manuva,Tawiah, Grey Reverend und Heidi Vogel) zeigt sich schon die Bandbreite, die genutzt wurde.

Zwei Stücke pro Plattenseite lassen Raum für lange Interpretationen, einen bewußt zurückgehaltenen Einstieg und ruhige Phasen, die in einem furiosen Gebilde enden können. Anspieltipp ist sicherlich das Jazz- und Soul-inspirierte „Caged Bird“ mit Roots Manuva auf Seite A. Und, das fast schon neo-klassische, tatsächlich an einen Film erinnernde „Workers of Art“ auf der dritten Seite. Eine Reise, die gerne schwarzweiß durch ein vergangenes Paris oder ähnliche Orte führen könnte. Um dann überzugehen, in das vielschichtige zwei geteilte „Zero One/This Fantasy“ mit Grey Reverend.

Überhaupt schmiegen sich viele Stücke aneinander, so dass sie ineinander übergehen, aber dabei so homogen wirken – man könnte auch eine Unentschiedenheit beim Titelgeben annehmen.

Es schließt alles, auf der vierten Seite , mit einem Versprechen ab („A Promise“). Interpretiert von Heidi Vogel, die in einem sehr verhaltenen Tempo eine beeindruckende Spannbreite vokales Können einsetzt. So nimmt sich eine Ballade all die Zeit und Breite, die eine komplette Plattenseite bieten kann. Das Cinematic Orchestra zeigt ein Detailreichtum, dass zum Wiederentdecken und Wiederhören einlädt. Für Kopfhörer und Abende mit den wichtigen Menschen und Dingen.

Externer Link: https://en.m.wikipedia.org/wiki/To_Believe#

Torgeir Waldemar – „Love“

Torgeir Waldemar – „Love“

(Jansen Records – Jansen114LP)

Ich muss eine kleine Geschichte erzählen. Vor einigen Wochen besuchte ich Freunde in Norwegen. Sie zeigten mir während meinem Aufenthalt alles, was man unbedingt gesehen haben muss. Auch Oslo. Und ich hatte eine Bedingung, ich musste die Plattenläden besuchen, unbedingt.  Oslo ist schön, vor allem an einem sonnigen Tag, und es gibt fantastische Sachen zu entdecken. Kurz und gut, am Schluss blieben noch 30 Minuten bis die Plattenläden schlossen. Und 3 Läden standen auf der Liste.  

Es verlief dann ungefähr so: Ich öffnete beim ersten die Tür, eine Band spielte daran, der Laden war packevoll. Das was ich hörte, das war gar nicht so übel. Vielstimmiger amerikanischer Folk im besten Sinne. Aber ich hatte ja keine Zeit. Also in den Platten gewühlt, im Norsk-Bereich das rausgesucht, was nach Jazz, Americana und ähnlichem aussah. Versucht etwas zu verstehen, und dann, aufgrund von Cover und gutem Gefühl mit einem kleinen Stapel zur Kasse marschiert. 5 Minuten. Und im nächsten Laden dasselbe. Im dritten so ähnlich, aber das ist eine andere Geschichte.

Um es kurz zu machen: Ich hörte mir daheim, in Deutschland, alles an und war hochzufrieden. Es war ganz genau das, was ich erhofft hatte. Und in einigen Fällen habe ich mittlerweile versucht, die komplette Discographie der KünstlerInnen zu bekommen. Das ist nicht einfach, hat aber zum Beispiel bei Torgeir Waldemar ganz gut geklappt.

Torgeir Waldemar dürfte vielleicht einigen bekannt sein, von seiner Band „The Devil and the almighty blues“. Die Jungs spielen eine Art langsamen, verschleppten, schweren Blues, der je nach Gesinnungslage als Doom-Bluesrock oder Stoner-Blues benannt wird. Das ist erdiges, dunkles Zeug, das mit schweren Gitarren und einem fetten Sound sich langsam dahinschleppt, wie ein Catfish im Schlamm von Louisiana. Sehr beeindruckend, aber es steht noch auf meiner Wantlist, daher nur diese kurze Erwähnung.

Torgeir Waldemar geht das Ding anders an. Auf seinen Solo-LPs harmoniert er akustisches Spiel mit den scheppernden Saiten eines Sounds, der direkt aus der Wüste kriecht. Und pflegt feinstes amerikanisches Singer-/Songwriter Material, dass in der Melange aus Americana, Folk und Country angesiedelt ist. Das sind Geschichte und Melodien die in der Weite des Westens aufgewachsen sind, und sich Zeit lassen, die Größe der Prärie zu erfassen. 

LOVE ist dabei eine EP, die mit fünf Stücken einen guten Eindruck geben, auf das was noch kommt. Die Anklänge eines ausgebremsten Blues („Truncated Soul“) finden sich darin genauso, wie vokale Verweise auf die großen Stimmen und Gitarristen, die in den frühen Siebzigern das Genre belebten. LOVE ist damit der Tradition verpflichtet, erweitert das aber durch den untypischen und sehr angenehmen Einsatz von z.B. gleichberechtigten Trompeten und Saxophon-Anteilen.

Wer die Bilder von Tumbleweeds unterlegen will, ist hier gut bedient. Das Ganze kommt knorrig, verspielt, und im Detail versiert an, um dann in einem dicken, verstrickten Finale eine epische Breite zu bekommen. 

Die Spielfreude der Beteiligten äußert sich immer dann am besten, wenn die Stücke in einen Soundtrack verwoben werden, der ungewöhnliche Elemente sein eigen nennt. Das schwillt an, steigert sich, verliert sich, findet sich und gleicht damit einem improvisationsreichem Liveerlebnis. Großes Kino stellenweise und für gute Anlagen oder Kopfhörer ein Fest.

Wer in Norwegen unterwegs ist, wird feststellen, dass es mit seinen verstreuten Dörfern, den Holzhäusern und den unendlichen Wäldern, sowie den allseits beliebten Pickups, stellenweise amerikanischer anmutet, als man gedacht hat. Torgeir Waldemars „Love“ kann dazu der richtige Soundtrack sein. Die erste Seite frönt einer angenehmen, relaxten Richtung, die nur kleine Schattenseiten einer aufkommenden Düsternis vermitteln. Dazu klingt die zweite Seite fast schon fröhlich, aufbrechend in einem erzählenden Countrystyle der sich an dem der Helden unserer Jugend anlehnt. Man möchte fahren, und den Wind wehen lassen, während Seen und Berge auftauchen und hinter dem Wagen wieder verschwinden.

Externer Link 1:https://www.noisolution.de/promotion/torgeir-waldemar/

Diana Brown & Barrie K. Sharpe – „The black, the white, the yellow and the the Brown (And don‘t forget the redman)“

Diana Brown & Barrie K. Sharpe – „The black, the white, the yellow and the the Brown (And don‘t forget the redman)“

ACID JAZZ (U.K. 828304.1)

Das Genre Acid Jazz sorgte zu seiner Zeit durchaus für Verwirrung. Eigentlich ein Label, dass sich mit seiner Namensgebung an eine House-Richtung anlehnte. Aber ursprünglich so gut wie nichts mit House zu tun hatte. Acid war damals, im wahrsten Sinne in aller Munde, und eine Grundlage für die Rave-Bewegung wie auch für den zweiten Summer of Love in London. Die Definition von Acid-Jazz war nicht einfach, beschäftigte die Musikjournalisten, und von der besagten Label sah man das eher mit einem Schmunzeln als mit einem wirklichen Bemühen die Situation aufzuklären.

Geneigte Hörer sahen darin eine Auflockerung des Jazz hin zu einer durchaus tanzbaren Version. Ungeachtet der Tatsache, dass Funk, Soul, R’n’B-Einfluss so prägend waren, dass es sich bei manchen Stücken einfach nur um gute Wiedergänger vergangener Rhythmen handelte, die sauber eingespielt und modern aufgepeppt eben nichts anderes waren als Soul und Funk.

Das soll aber weder das Engagement, noch das musikalische Vermögen mancher Acid-Jazz-Bands schmälern. Großartige Künstler kamen dabei zusammen, die Situation war alles in allem erfrischend und befruchtend. Acid-Jazz kam damals nicht aus dem Nichts, denn schon ein Jahrzehnt davor hatte der sogenannte Pop-Jazz, der Bands wie Blue Rondo de la Turk, Carmel, Matt Bianco und Everything but the Girl dafür gesorgt, Jazz-Anleihen in den Clubs populär und tanzbar zu machen. 

Die Übergänge waren dabei fließender und wechselseitiger als man das damals sehen wollte. Die Acid-Jazz-Bands wie Galliano und Brand New Heavies sahen sich durchaus in der Tradition großer Soul- und Funkbands, aber ohne die Vorarbeit in den Achtzigern wäre es wohl nicht so populär gewesen. Es verwundert daher nicht, dass dort, wo heute noch Acid Jazz produziert wird (z.b. Italien) auch Matt Bianco in der aktuellen Inkarnation durchaus populär ist.

Typisch war für den Acid Jazz, dass eine Menge Bands einen Vertrag bekamen, die über ein einziges Release hinaus nicht weiter bekannt wurden. Diana Brown und Barrie K. Sharpe hatten nur diese eine Platte abgeliefert, die durchaus zu feiern ist, denn selten wurde die Essenz der ganzen Richtung so komprimiert auf Vinyl gepresst. Dort finden sich genau die Funkanteile und harmonischen Gesänge, verweise auf Rap und HipHop allgemein, dass man es als Statement und Grundlage für viele weitere Experimente erleben kann.

Die Maxi-Singles, die aus diesem Album herausflossen, waren sowohl im Zusammenhang mit dem später formulierten Neo-Soul wegweisend, haben aber bis heute eine angenehme Zeitlosigkeit, die durchaus tauglich für nette Lounge-Abend ist. 

Allem voran „The Masterplan (Ropeman Mix)“, dem Stück, dass das Album einleitet und mit „Colours (Black, White, Yellow, Brown, Red)“ und „Eating me alive!“ ein homogenes Gesamtwerk darstellt. Es gibt wahrscheinlich, verstreut auf verschiedenen Singles, einen Berg Remixes, die in jedem Detail eine sehr moderne Soul-Interpreation darstellen, die in dieser Weise einfach Teile eine herausragenden Produktion sind.

Es gibt im Acid Jazz einige hervorstechende Alben, die heute noch wegweisend und beispielhaft sind – Diana Brown & Barrie K. Sharpe hätten es verdient gehabt in dieser Liste aufgenommen zu werden. Das komplette Album ist rhythmisch so homogen, dass man es gerne und unbewacht vor Publikum abspielen kann, ohne die Tanzfläche endgültig zu veröden. Guter Stoff, und aufgrund seines Alters und wenigen Bekanntheit auch zu einem angenehmen Preis zu erwerben.

Externer Link 1: YouTube https://youtu.be/n6I0CtocnZ0?si=6mpyHOOKBlu22tau

Externer Link 2: Wikipedia (englisch) https://en.wikipedia.org/wiki/Diana_Brown_%26_Barrie_K._Sharpe