Durchsuchen nach
Schlagwort: NUN

Paul Plut im Cafe NUN Kulturraum, Karlsruhe, am 17.01.2025

Paul Plut im Cafe NUN Kulturraum, Karlsruhe, am 17.01.2025

Eigenständiger wäre die Eröffnung des Konzertjahres im NUN kaum möglich gewesen. Eine herbe, melancholische Heimatliebe für die Steiermark zeichnet Paul Plut aus. Seine Werk, so mag man es nennen, ist gewürzt von Anekdoten. Kleine Geschichten über Schmerz, Verlust und einem dadaistischen Humor, der sich verführerisch einschleicht.

Zu Beginn archaisch, in der Fortführung theatralisch und vom Instrumentarium, wie auch dessen Nutzung, stark individualistisch. Paul Plut führte sein Publikum in die geheimnisvolle Welt österreichischer Kleinstädte, Berge und ihren Eigenheiten. Ein Instrument ist nur ein Instrument. Bis es genutzt wird. Alleine auf der Bühne, umgeben von Gitarren, einem Akkordeon, Kassetten, einer Orgel und der selbstgebauten Teufelsgeige, sowie einem Holzbrett, das sein vehementes Stampfen verstärkte, offenbarte er ein Sound-Spektrum, dass sich alles erlaubte und vieles wagte.

Es wurde verstärkt, verzerrt, harmoniert und in voller Liebe auch mal Hildegard Knef und zuletzt durchaus Rio Reiser interpretiert. Er lebt die Inbrunst der rauen Töne, ebenso wie die zerbrechliche Sprache der Chansons. Letztere lebt von den Kleinigkeiten des Weglassens, ersteres von der Kraft der ungehemmten Artikulation. Schwer zu fassen. Kaum möglich etwas herauszustellen.

In der Tradition mag man durchaus Liedermacher erkennen, die natürlich ihre Spuren in seinem Vortrag hinterlassen haben. Aber in der Konsequenz, in der er einfach die Möglichkeiten erweiterte, das musikalische Erbe bereit  ist, zu verfremden, in Stürmen und eigenen Kreationen zu verschmelzen, zeigt sich etwas, dass durchaus auch mal rauer, dreckiger, unerwartet sein konnte.

Blues ohne Blues zu sein, Punk ohne es Punk nennen zu wollen, Rock ohne Kraut, aber durch die Wucht, die lediglich eine Person erzeugen konnte, ein kammermusikalisches Ding. Mit dem Akkordeon in der Region angesiedelt. Im Text, schon durch Ausdruck und Stimmungsbild, mit der Heimat verhaftet. Angeblich verstehen ihn selbst die Menschen in Österreich nicht überall. Und das uns. In Deutschland. Im NUN, wo er begeistert gefeiert wurde. Zu zwei Zugaben aufgefordert und wenn es mehr gewesen wären, hätte auch niemand etwas dagegen gehabt.

Paul Plut komponiert für das Theater, beteiligt sich an Kunstaktionen, ist auch lyrisch beachtenswert und mit den Füßen und der Seele seinem Land verbunden. So kommt es zu einer Mischung, die dem Volkslied nahe, aber der modernen Interpretation näher ist. Wenn die Gitarre einem Orkan aus Verzerrung erliegt, dann hat die Kunst gewonnen, sich Raum geschaffen und das Werk eines Eigenbrödlers, der an alten Techniken festhält und sie in die Jetztzeit einführt, ihre Wiedererkennbarkeit erlangt. Wie bei anderen, große Künstlern, die ebenso neugierig verfremden und Technologien vermischen, bleibt auch hier das Gefühl des Happenings – der Einmaligkeit – erhalten. Eine Aktion. Eine Kunst. Das kann nicht weg, das ist gekommen um zu bleiben. Es bleibt auch die Gratwanderung zwischen Mut, Fluch und der spürbaren Sehnsucht nach der Heimat.

Dem NUN ist zu danken, dass sie Experimenten aufgeschlossen gegenüber sind. Als Eröffnung der Saison hat es die Erwartungen hochgesteckt.

Externer Link: https://paulplut.com/anfang

Externer Link: https://nun.cafe/

ÁRSTÍÐIR im NUN, Karlsruhe am 13.12.2024

ÁRSTÍÐIR im NUN, Karlsruhe am 13.12.2024

Es kann ja durchaus sein, dass man nur eine Insel nehmen muss, die mit ein paar wenigen Menschen besiedelt und dann abwartet. Vielleicht noch richtig unangenehmes Wetter dazu, das die kleinen Menschlein gehörig einschneit. Und einfriert. Am Schluss, wenn das Werk als gelungen betrachtet werden kann, ist noch Platz für ein paar Vulkane. Die dann ihr eigenes Süpplein köcheln.

So oder so ähnlich mag Island sein. Ungeachtet all der wunderbaren Landschaft, der Fjorde, seltsamen Vögeln und eben Lichter, die den Himmel zur Bühne machen. Und jetzt stellt sich jeder noch folgendes vor: Nachdem das alles Jahrhunderte vor sich hingebrodelt hat, wird es in Stücke gepresst, in Musik also (das ist hier gemeint) und ungefähr das könnte ÁRSTÍÐIR sein.

Fünf Musiker aus einem Land, in dem wahrscheinlich jeder irgendwie mit jedem verwandt ist. Traditionen daher immer in der Familie bleiben. Tradition ist der Gesang, vielstimmig, mit seltsamen Harmonien, aber auch mit einer Sprache, die uns so unbekannt scheint, als wäre sie samt ihrer Schrift aus dem Weltall gefallen. 

Meine erste Begegnung mit traditioneller, isländischer Musik war in den Achtzigern, als mir eine MusikKassette (90 Minuten) von dort zugesandt wurde, in der Menschen in eben jener Sprache in einer Art Chor sangen. Vollkommen unverständlich, und weit entfernt von Björk und Mezzaforte. Das waren so die bekannten Botschafter Islands waren. Wenn es um Musik ging. Mezzaforte hatte einen Hit (GardenParty). Björk wurde sowieso für alles geliebt.

ÁRSTÍÐIR im NUN war ungefähr so, als wären die Experten für Folk und Jazz übereingekommen, aus den Traditionen Islands nun das schönstmögliche zu formen, was überhaupt….

Ein kammermusikalisches Kleinod, das Staunen macht, angesichts der Professionalität, dem klar strukturierten Spiel und der Reinheit der Darbietung. Der Isländer, so lernte man, singt. In der Gruppe, mit vielen, gerne, oft, nicht immer so, wie wir es kennen – hier verstand ich – aber mit viel Liebe zum Detail und der Geschichte. Man möge entschuldigen, war eben für sich, siehe oben, die Vulkane das Wetter. Da war es schon mal möglich, dass sich anderes einschlich, aber jetzt, und das bewiesen ÁRSTÍÐIR, nehme man gerne und alles auf.

Es gibt Musikerinnen, die würden sich um manche zehn Sekunden, die da zu hören waren, reißen, so einfach wirkten die Titel, so komplex war der Aufbau. Und immer bedacht, wie ein stummer Drohnenflug, über Meer und Land, auf Schönheit und Harmonie. Es war ein Teil der Weihnachtstour. Nicht überraschend, wenn das Publikum andächtig, versunken und in Gedanken auf den Reisen beiwohnte. Die Spannbreite des Dargebotenen ging über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Dazwischen selbstkomponiertes, im acappela vorgetragenen Gesang aber auch Werke deren Ursprünge wahrscheinlich in den langen Wintern, den einsamen Hütten, und den heißen Quellen lagen. Und dann über die mündliche Übertragung zur Reife gelangten.

Wörter gab es mit dazu, für den Heimweg und die nächste Reise. „Hi!“, „Skøl“ und „Takk“. „Skøl“ kannte ich schon. Es war mal auf einer Flugreise, eingequetscht zwischen der halben Bevölkerung der Insel, das einzige Wort, das ich kontinuierlich während des Fluges hörte. Und zwar so oft, dass ich mir wirklich ernsthaft Sorgen machte.

„Takk“, was Danke heißt, ist das was ich dem NUN aussprechen müsste. Letztes Konzert in diesem Jahr. Krönender Abschluss, sozusagen. An Professionalität kaum zu überbieten. Ein märchenhaftes Gemälde, in dem sich Fabelwesen schlafend sammeln könnten. So ruhig, zurückgelehnt und doch mit einer Freude an der Location und für das Publikum. Klassisch für Momente auch nur ein Dialog aus Cello und Geige, bis wieder zwei Gitarren und das Keyboard die Führung übernahmen. 

Wie immer, und eigentlich dürfte ich es nicht jedesmal erwähnen, war es wieder eines der intimen, ruhigen Konzert im NUN, bei dem die Zeit fast vergessen wird und immer das Gefühl bleibt, dass man sich schon lange kennt, oder? Jetzt. Gerade. Wenn das doch so nahe ist, und das weiterträumen so leicht. Waren die gut. Respekt vor soviel Musikalität.

Ansa Sauermann im NUN, Karlsruhe am 12.12.2024

Ansa Sauermann im NUN, Karlsruhe am 12.12.2024

Ansa Sauermann im NUN,Kalrsruhe

Es gibt Namen, denen begegnet man so oft, dass man denkt: Hast du schon gehört. Kennst du. Aber etwas konkretes verbindet sich damit nicht. Und, um das zu steigern, reden alle, die ein bißchen oder ein mehrfaches jünger sind, von diesem Namen so, als wäre er selbstverständlich. Oder es einfach nur ein Unding, wenn man ihn nicht kennt.

So ging mir das mit Ansa Sauermann. Ich nickte beflissen und verständig. Und wühlte verzweifelt in meinem Gedächtnis, um nicht als vollkommend unwissend da zu stehen.

Um es kurz zu machen: Das NUN, zwar nicht sehr groß, aber immerhin, war voll. Die Menschen sangen mit, den die kannten die Texte. Ich nicht. Manche tanzten, spätestens in der letzen halben Stunde. Das ist selbst für das NUN eher ungewöhnlich. Weil, schlicht zu wenig Platz. Im Allgemeinen. Doch, wo ein Wille..

Die Wurzeln von Ansa liegen in Dresden. Musikalisch in der langen Tradition deutscher Liedermacher und Songwriter. Immer wenn man denkt, da fehlt noch etwas, da ist doch etwas abgebrochen, dann tauchen Erben wie Ansa auf und erneuern alles. Anders als man es bisher kannte. Frecher, authentischer, mit einfacheren Worten, und einer klaren ungekünstelten Sprache. Denn es gab ja irgendwann auch Punk.

Und wenn Ansa davon spricht, dass er eigentlich lauter spielt, dann mag man ihm das sofort glauben. Denn so sehr, wie er die kleine Bühne nutzte, um mit allen möglichen und unmöglichen Barrieren zu brechen – wenn sie jemals da waren – so kann man ihn sich auf großen Bühne, auf Festivals und mit lauten Gitarren vorstellen. Kann man. Hier wurde er begleitet von einem wunderbar humorvollen Bassisten, und einem Schlagzeuger, der damit perfekt harmonierte. Die Band präsentierte sich – eigentlich größer – als Trio. Mit einer Brise Zurückhaltung, einem eher akustischen Set, einem kleinen, nahen Clubkonzert eben. 

Komplett in Deutsch, was wahrscheinlich nur deswegen auffällt, weil ich auf viel zu viele Konzerte gehe, die egal aus welchem Land, anglo-amerikanisch dominiert werden. Wie sehr man das vermissen kann, merkt man dann, wenn Menschen wie Ansa wissen, wie sie Akzente setzen, die Sprache gebrauchen können, die Melodie daraus formen und die Worte stilsicher einsetzen. Die bewußte Reduzierung, der Mangel an Ausschweifung und die ungebremste Leidenschaft zeichnet seinen Vortrag aus. Und das kam im NUN, wo man ihm so nahe wie möglich, und im Grunde nicht mal ein Mikrofon nötig war, bestens zur Geltung. 

Im NUN sitzt man bei den Interpretetinnen. Manchmal auch dahinter. Die Nähe ist der Reiz und die Atmosphäre, aber kann für das Publikum bedeuten, dass es zu zwei Drittel nur den Rücken sieht. Und egal wie faszinierend der Rücken ist, sympathischer wurde es, als Ansa, sich mit der akustischen Gitarre ohne Mikrofon auf den Sessel des herrenlosen Schlagzeugs setzte und einfach sang. Zu jenen, die ihn bisher eben nur von hinten gesehen hatten. Es sind die Momente, ohne Filter, ohne Technik, die bewahrheiteten, dass mit dem Namen Ansa auch immer von Authentizität und Ehrlichkeit, sowie Nachvollziehbarkeit gesprochen wurde. 

Es war natürlich der Charme, gepaart mit einem schalkhaften Witz, der es ihm sogar erlaubte, ohne Unterbrechung eine Saite auszuwechseln, seinen Merch dabei anzupreisen und das Konzert damit am Laufen zu halten. Die Band spielte dazu beflissen, jene Melodie, die jeden Fahrstuhl schmelzen lässt. Klappte, funktionierte, zielsicher. Der Mann ist seit zehn Jahren im Musikgeschäft. Glaubt man erst nicht, weil so jung. Glaubt man dann, wenn er nach Sekunden das Publikum erobert hat. So halt. Mit einem Lächeln. Einwandfrei. Feines Entertainment, wunderbare  Geschichten, wie wir sie alle kennen. Und gerechte Leidenschaft und Wut, über die Dinge, die uns alle wütend machen. Das Publikum bekam alles, was es wollte. Die Zugabe, den Spaß und sehr viel Freude. Das hätte die ganze Nacht gehen können. Mal ganz im Ernst.

Nina Caroline – NUN Kulturraum, 23.11.2024

Nina Caroline – NUN Kulturraum, 23.11.2024

Keine Ahnung, ob ich es schon mal erwähnt habe: Das NUN ist Nachbarschaft, das liegt quasi um die Ecke rum, und ich gehe auf die Konzerte, wann immer ich kann. Und: Ich höre mir definitiv nichts vorher an. Mache keine YouTube-Recherche und schaue selten bis gar nicht in die Instagram-Profile der Künstler. 

Dazunoch: Hut-Konzerte hatte ich bisher im NUN immer verpasst. Warum? Weil es dazu schlicht keine Tickets im Shop gibt. Soll heißen, Hutkonzerte sind umsonst, und am Schluss schmeißt man in den Hut das, was einem der Abend wert war. 

Manche Locations machen das gerne an den eher unattraktiven Abenden, das NUN verzaubert einem damit den Samstagabend. Und das sollte man den Veranstaltern hoch anrechnen.

Denn tatsächlich ist ein Hutkonzert keine Aussage zur Qualität, sondern eher ein Experiment um jungen Künstlern eine Bühne zu bieten. Und: Wenn es stimmt, dass dieses das erste Konzert von Nina Caroline als Headliner war, dann hat sie es mehr als gekonnt gemeistert. Und es war, wie erwähnt, ein Hutkonzert!

Nina Caroline ist eine junge Singer-/Songwriterin aus Frankfurt am Main, die begleitet von einem Gitarristen/Bassisten, ihre Songs mit einer Klarheit und stimmlichen Reinheit vortrug, die schlichtweg überzeugte. Sie erzählte von Liebe, dem Verlassenwerden, den Irrtümern, die damit verbunden sind, und erzeugt eine Nähe, die sie mit ihrem Charme zu einem fragilen Kunstwerk aus Text und Musik formte.

Die Nachvollziehbarkeit der Geschichten, die sie in ihrem Repertoire verwob, machte es dem Publikum leicht ihr zu folgen und in den Räumlichkeiten, die das NUN anbietet, jene Atmosphäre zu erzeugen, die Publikum und Künstlerin für einen schönen, kleinen Zeitraum verbindet. 

Das Überraschendste des Abends war nun eher die Tatsache, dass ihr Name noch nicht die vermuteten Bekanntheitsgrad hat. Und über allem noch der Moment lag, in dem man dachte, dass man einen neuen Namen auf der Liste hat und nächstes Jahr bestimmt noch mehr hört und überhaupt, das kann doch nicht mehr lange dauern?

Nina Caroline schreibt, nach eigenen Aussagen, seit dem achten oder neunten Lebensjahr Songs, und so überrascht es nicht, dass ihre Werke, vorgetragen in einem kleinen Rahmen und Arrangement, schon den Schliff haben, der sie rund wirken lässt und tauglich für ein Bandprojekt. Das man ihr wünschen möchte. 

Um ein Fazit zu ziehen, und etwas lehrreiches hinter her zu schieben: Abende, wie jener mit Nina Caroline sind natürlich der Grund, warum ich mir vorher keine Videos anschauen muss, denn am Schluss bin ich so positiv überrascht, dass ich es eher bedauere keine Tonträger mit heim nehmen können. Dafür wird Nina Caroline demnächst in der zweiten Folge  von „What Remains?“ auftauchen, dem Blick auf all jene, von denen es noch keine Tonträger gibt.