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Kategorie: Bands

Mane and Friends – 472 CDs und kein Ende!

Mane and Friends – 472 CDs und kein Ende!

Mane And Friends "krautjazz.de" CD #472 vom 07.November 2025
Mane And Friends „krautjazz.de“ CD #472 vom 07.November 2025

Einleitung

Es bedarf einer Einleitung: Das Projekt „Krautjazz“ begleitet mich seit fast einem Jahr. Als ich der Webseite (https://krautjazz.de) zum ersten Mal begegnete, nahm ich mir vor, dieses Thema eines Tages genauer zu betrachten.

Zu groß schien das alles, zu umfangreich das Material und zu vielfältig im Detailreichtum. Präsentiert sich die Seite selbst unspektakuläre, einfach zu durchsuchen und frei von allem Unnötigem – so handelt es sich dennoch um die beste Beschreibung von Understatement. 

Was ich bei der ersten Betrachtung jedoch nicht wußte, und mir erst im Laufe der Beschäftigung klar wurde: krautjazz.de“ ist in seiner Form ein gewaltiges Arsenal an musikalischen Experimenten und Können, wie es in diesem Land bestimmt einmalig ist.

Um all das in seinem Umfang zu erfassen, bedarf es daher mehr als nur einen Text und diesen Artikel. Es wird also ein Mehrteiler, denn das Material und die Geschichte, mit der es zu tun hat, ist  ausufernd und reich an Anekdoten.

472 Sessions online!

Vor einigen Tagen, am 07.November 2025, erreichte mich die Nachricht, dass auf der Seite von krautjazz.de“ die „CD“ 472 von Mane and Friends (kurz: MaF) erschienen ist. Diese Nachricht bekommt man regelmäßig, zeitweise wöchentlich, wenn man den Newsletter der Seite abonniert hat. Die Release-Abstände sind manchmal faszinierend kurz, der Output gewaltig.

Bis zurück ins Jahr 2013 reichen die Veröffentlichungen von Manfred Bock und seinen Freunden. Er selbst, der Kopf und Initiatior hinter dem Projekt bedient in der Konstellation Gitarre, Bass, aber auch den Mischpult und ist letztendlich – so die Selbstbezeichnung – der Kurator. Zu den Musikern, die die Stammbesetzung darstellen,  gehören: Derek Hauffen (Tasteninstrumente, Drums) , Bernhard Efinger (Gesang, Mundharmonika, Texte) , Erik Hartmann (Schlagzeug, Perkussion) und Werner Lapp (Holzblasinstrumente, akustische Gitarre). 

Mane and Friends existiert in dieser Zusammensetzung als Studioband. Sie treten nicht live auf, ihr Material ist nicht transkribiert und ist  – im Sinne von Jazz –  „nur“ improvisiert. Der Reichtum und das Außergewöhnliche ergibt es sich aus der Qualität der Aufnahmen, dem versierten musikalischen Wissen der Anwesenden und vor allem den Gastmusikern. 

Und alle, wirklich alle Aufnahmen, sind mit Cover, Label, Inlet liebevoll ausgestattet, und kostenlos unbegrenzt zum Download auf der Webseite bereitgestellt. 472 CDs warten damit auf ein Review! 

Ein Teil der Sessions kann auch auf YouTube betrachtet werden: https://www.youtube.com/channel/UC_nmZ5AnlxaM4NChoLhMd6A

Namen, Namen, Namen

Jede Session hat Gastmusiker, neue Besetzungen und mutige Kombinationen. Die Geschichte von Manfred Bock, Derek Hauffen und ihren Mitmusikern reicht weit zurück in die Rockgeschichte. 

Im Rahmen der Recherche für das Karlsruher Archiv, das sich mit der Musikgeschichte von Karlsruhe und der Region beschäftigt, begannen wir alle Bandnamen, die uns bekannt waren, hin- und her zu werfen. 

Es stellte sich dabei sehr schnell heraus, dass es einige Personen in Karlsruhe gibt, die all den Jahren – teilweise seit den frühen Sechzigern – in fast allen wichtigen Bands tätig waren und deren Geschichte Teil eines großen Netzwerks ist. 

Kurz, wenn man sich mit der populären Musik In Karlsruhe beschäftigt, dann führt kein Weg an den Namen der Mitglieder von „Mane and Friends“ vorbei. In einem der folgenden Beiträge werde ich noch näher darauf eingehen. Hier sei schon mal gesagt: Wenn Manfred Bock und Derek Hauffen laden, dann kommen langjährige Freunde und viele Namen, die teilweise mit ganz anderen Genres und Geschichten verbunden sind.

Die Liste ist umfangreich und bunt: Gäste bei den bisher aufgenommenen Sessions waren z.B. Leonie Klein, Gabriel Herbst, Kibro, Mac Geyer, Claudia Olma, Elvira Novello, Sebastian Manuel Million, Giga Brunner, Gerhard Lesser, Jürgen Zöller, Wolle Koegel, Georg Stindl, Norbert Masino, Frank Benneter, Hubl Greiner, Klaus Becker, Rudi Metzler, Julia Neumann usw. usw.

Kraut und Jazz

So vielfältig, wie sich die Wahl der Gäste, präsentiert, so reich und verspielt ist die Musik, die bei den Sessions zustande kommt. Mane and Friends scheinen den Flow zu lieben, wirken entspannt, ausgesprochen professionell und geben sich und ihren Gästen immer wieder die Chance, kleine Diamanten zu erzeugen. Man möchte ihnen danken – für die Akribie und die Beständigkeit all das aufzunehmen und zur Verfügung zu stellen. 

Verwunderlich ist, dass das seit Jahren weit unter dem Radar stattfindet, und der Umfang des Projektes von einer Bescheidenheit gezeichnet ist, die dem Können nicht gerecht werden kann. 

Hört man sich die einzelnen Stücke an, so offenbart sich sehr schnell die Lässigkeit, der Witz, aber vor allem das Improvisationstalent der MusikerInnen. Der Name Kraut und Jazz ist Programm. Und wahrscheinlich die genialste Domain für das Thema. 

Experimentierfreudig, wie sich ehemals der Krautrock auf die Reise begab und frei wie der Jazz, der alles in sich aufnimmt, sind die Aufnahmen. Durch die immer neuen Zusammenstellungen der Musizierenden ergeben sich neue Einflüsse und Konstellationen, die das Projekt spannend und gleichzeitig wild machen.

„Krautjazz“ ist daher ungehemmtes Improvisieren, aber wertvoll bleibt es durch seine Hörbarkeit, dem Hang zum Groove, und der Tauglichkeit für alle GenießerInnen. Mane and Friends arbeiten damit tapfer an einem Monument, das wöchentlich und über die Jahre wächst, aber vor allem für Musikliebhaber eine unglaubliche Fundgrube darstellt. 

Die Gestaltung ist liebevoll, die CDs ergeben eine schlüssige Historie. Die Bedeutung für die hiesige Musikgeschichte ist noch nicht absehbar, denn auch wenn alles nach Spaß und viel Freizeit wirkt, dokumentiert es doch einen großen Teil der Verbindungen, die MusikerInnen untereinander aufbauen und welche wunderbare Sprache sie untereinander sprechen können.

Es kommt noch mehr

Manfred Bock und seine Freunde sind natürlich mittendrin, und ein Ende der Sessions ist nicht abzusehen. Wer jetzt einsteigt, der bekommt sicherlich den besten Eindruck, aber auch Jazznrhythm wird sich in den nächsten Wochen und Tagen nochmal damit beschäftigen. Dieses sollte nur ein kleiner Einstieg sein, der das Augenmerk ein bißchen auf diese Domain richtet. Hört euch das mal, wir werden noch mal darüber berichten. Reviews folgen selbstverständlich auch noch. Aber auch noch mehr!

Sex Beat & Themis im KOHI, Karlsruhe am 15.11.2025

Sex Beat & Themis im KOHI, Karlsruhe am 15.11.2025

Sex Beat im Kohi, Karlsruhe am 15.11.2025
Sex Beat im Kohi, Karlsruhe am 15.11.2025

Zwei Bands an einem Abend. Die regionale Helden um Themis (eigentlich Themistoklis Theodoridis) – beheimatet in Stuttgart – füllten nach der gestrigen Demo gegen die geplanten Einsparungen in der Kulturförderung zusammen mit Sex Beat aus Berlin das KOHI.

Alles noch im Kontext der Stimmung vom Stephansplatz, begleitet von einem Fernsehteam, war die Location fast komplett voll und in der besten Laune. 

Themis im KOHI am 15.11.2025
Themis im KOHI am 15.11.2025

Themis, eigentlich ein Projekt um den Sänger, präsentierte sich als Band (Bass, 2 x Gitarre, Schlagzeug) mit einem Konzept, dass verschiedene Elemente vereint: die Melancholie, Tanzbarkeit und die Düsternis der Übergänge und die Verspieltheit im Schrägen. Charmant präsentiert, mit einer liebenswürdigen Freundlichkeit, ein gern gesehener Gast im KOHI. 

Wo Themis eine Gratwanderung durch die Zitate wagte, sich der Harmonie verpflichtete, und dem Punk Tribut zollte, durchbrach Sex Beat später alle Bezüge zu diesen süß-sauren Kompositionen. 

Themis sind damit zwar nahe an den Geräuschen und unsteten Werken früherer Protagonisten einer aufbrechenden Zeit  – aber frönen auch dem vielschichtigen Klang dreier Saiteninstrumente, die zu einem verschmelzen. Der Bass, gespielt von Yoko, immer nahe am Pop der sperrigen Sorte,- und damit treibende Kraft . Die begleitende Gitarre neben dem Sänger Themis, akzentuierte dagegen zwischen dem Groben und Feinfühligen. Da offenbarte sich viel Potential, viel Mut und viele Möglichkeiten, die bereits einfließen, aber auch schon Bestandteil sind. 

Themis schöpfen damit aus dem Vollen, sind einer dunklen Grundstimmung verpflichtet, die sie Ansagen und Spielweise aber gerne mit einem Leuchten füllen. Man möchte sie fast höflich nennen, mit einem schmunzeln, und daher gerne wiedersehen. 

Sex Beat im KOHI am 15.11.2025
Sex Beat im KOHI am 15.11.2025

Bands aus Berlin sind härter. Ohne Frage. Rauh, wild, ungebändigt, stark am Limit – Sex Beat gaben dem KOHI, was das KOHI wollte. 

Die Melodie ist eine Struktur. Eine Struktur hat einen Beat. Ein Beat braucht nicht mehr. Runtergebrochen, auf den Nenner gebracht, muss das Ding treiben und alle schwitzen. Dann ist gut. Sex Beat sehen die Grenze nicht, sie durchbrechen sie trotzdem. 

Dabei rissen sie ihr Set runter. In Hochgeschwindigkeit. So schnell wie möglich, so laut wie brachial. Immer mit dem Beweis: Mehr braucht es nicht. Ein Sänger der sich verausgabt, der schreit und tanzt, und springt und hüpft, der den einzelnen raus deutet, das Publikum auswählt, den Takt selbst bestimmt und dann nur noch Bass, Gitarre und Schlagzeug. Das war dicht, das war verlässlich. 

Florian Püh (voc) ist schonungslos mit sich selbst und jedem der vor ihm steht. So wie Rosa Merino Claros fast cool und stoisch die Bassaiten anschlägt. Das funktioniert auch und vor allem, weil Christoph Hossbach, das Schlagzeug bearbeitet, als bräuchte er es morgen nicht mehr. Der Gitarrist hatte sowieso vom Metal gelernt. Weiß wie man düster und laut die Backings rausschmettert, wenn man sein Instrument in höchster Eile abschrubbert.

Wer heute noch den Zeiten von 76 nachtrauert, in denen die Clubs klein, beklebt, eng und die Bühne nah, aber die Sänger am Schluss vollkommen am Ende waren – na, der, der hat etwas verpasst. Sex Beat leben die Authentizität, die nur durch eine Zeitreise zustande kommen kann. Sie feierten nochmal die Ursprünge, lebten die neuen Einflüsse und lieben die klare Linie. Da geht auch nichts anderes, als irgendwann die Ansage: „Wir spielen noch vier Songs. Keine Zugabe.“

Rücksichtslose Tempo. Einmal durch. Nahe dem Zusammenbruch. Keine Zugabe. Gehalten. Versprochen. Konsequent. Klare Kante. Gut ist es. Respekt.

Externe Links:

Sex Beat (Instagram) – https://www.instagram.com/sexbeatband/

Themis – https://themismusic.de/

KOHI – https://kohi.de/

Paula Paula im NUN, Karlsruhe am 14.11.2025

Paula Paula im NUN, Karlsruhe am 14.11.2025

Paula Paula im NUN, Karlsruhe am 14.11.2025
Paula Paula im NUN, Karlsruhe am 14.11.2025

Ist das NUN ausverkauft, dann kann man von zwei Dingen ausgehen: Zum Einen: Die Band/MusikerInnen waren schon mal da. Zum Zweiten: Sie haben ihr Publikum gefunden und sind wieder zurückgekehrt.

Eine nicht zu unterschätzende Aufgabe kleiner Clubs und Location ist es, Bands eine wachsende Basis zu verschaffen. Das Duo Paula Paula war zum zweiten Mal im NUN. Fast ein Heimspiel für Marlène Colle (Keyboard, Gitarre und Gesang) und Kristina Koropecki (Cello, Synthesizer, Banking Vocals). Daher ausverkauft. Was dann bedeutet, die Band sitzt fast in der Mitte des Publikums. Ist von diesem eingekreist, aber auch eingebettet. Wie ErzählerInnen im Kreis der Lauschenden.

Paula Paula bewegen sich in einem Terrain, das textlich sehr intensiv, und musikalisch sehr feinfühlig in der überraschenden Ruhe fast heimisch ist. Die Reduzierung auf Cello und Keyboard, sowie Gitarre bildeten damit das Fundament für eine fast transparente Instrumentierung. 

Sie schufen der Lyrik den entsprechenden Raum. 

Die Kunst des Liedermachens, des poetisch Liedes, das textliche Feinheiten nicht verbergen möchte – und dabei eine sehr deutschsprachige Kunst war – ist heute eingegangen in so viele Schreibweisen. Nennt sich dann Indie-Pop, Songwriting, kammermusikalischer Pop oder gar Neo-Klassik, wenn Piano und Cello einfliessen. 

Paula Paula zeigten auf, wie der Weg weitergeht. Durchaus politisch, durchaus feministisch, durchaus modern und voll im Leben, aber mit dem Bewusstsein, dass Texte bildhaft, intellektuell 

und vielschichtig sein können, spielten sie mit den Elementen aller genannten Genres. 

Variantenreich näherten sie sich dabei gedrehten Klischees, Stimmungsbilder und Themen, die bekannt, naheliegend, aber selten in solcher Poesie gekleidet waren. In einer schnelllebigen Zeit, die eine kurze Aufmerksamkeitsspanne feiert, ein gar mutiges Unterfangen. Wurde jedoch belohnt. Mit andächtiger Ruhe, zurückhaltender Atmosphäre und einem Publikum, dass sie begeistert zur Zugabe aufforderte.

Paula Paula gehören zu jenen KünstlerInnen, die einen eigenständigen Umgang mit Sprache und Komposition pflegen. Den mutigen Schritt der Verständlichkeit gehen, vor verletzlichen Bildern nicht zurückschrecken und eine Stimmung schaffen, die einen Umgang mit Melodie und dem Wort gewogen ist.

Paula Paula im NUN, Karlsruhe am 14.11.2025
Paula Paula im NUN, Karlsruhe am 14.11.2025

Im NUN daher am richtigen Ort, und in der Beschränkung auf einen fast akustischen Abend, gut gewählt. Angekündigt ist eine Rückkehr im nächsten Jahr, ungefähr um die selbe Zeit, allerdings an einem anderen Ort, in einem anderen Rahmen, aber mehr werde ich noch nicht verraten. Man sollte jedoch schon mal mit einem schwachen Stift einen ungefähren Eintrag in den Kalender machen. 

Paula Paula sind, und darauf legen sie Wert (darum wird es auch hier erwähnt) auf Bandcamp anzutreffen. Bandcamp ist die Alternative für all diejenigen, denen das Bezahlmodell der Streamingdienste ein Rätsel bleibt. Wo Spotify und Co. eine verwirrende, begrenzte Auszahlung nach Klicks und Hördauer fördert, ist Bandcamp der Platz, in dem die KünstlerInnen durch den Kauf ihrer Stücke (digital, Tonträger etc.) ein Maximum an möglichen Einnahmen haben plus der Möglichkeit für KundInnen den Preis ab einer bestimmten Höhe selbst zu bestimmen. Als Trinkgeld, als Dank, als Möglichkeit der Förderung. 

Im besten Fall fühlt man sich wie ein Mäzen, und das ist ja auch schon was.

Paula Paula gehören zu den Bands, die die Zeit und die Aufmerksamkeit verdient haben. Im wahrsten Sinne independent bei Gestaltung ihrer Shirts, Plattencover, der Verarbeitung und der Liebe zum Detail, und im besten Verständnis engagiert, nahe und freundlich genug, um sie nächstes Mal bestimmt zu einem der schnell ausverkauften Acts im NUN zu machen.

Externe Links:

Paula Paula Bandcamp – https://paulapaula.bandcamp.com/

Paula Paula Webseite –  https://www.paulapaulamusik.de/

NUN – https://nun.cafe/

Lawrence (Support: Dylan Chambers)  im LKA, Longhorn, Stuttgart am 08.11.2025

Lawrence (Support: Dylan Chambers)  im LKA, Longhorn, Stuttgart am 08.11.2025

Lawrence im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025
Lawrence im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025

Jemand besseren als Dylan Chambers hätten sie für diesen Job wahrscheinlich nicht finden können. Lawrence traten im LKA-Longhorn auf. Dylan Chambers absolvierte seinen dritten Auftritt in Deutschland und überraschte wahrscheinlich alle. 

Das LKA Longhorn hat schon einige Jahre hinter sich. Von seiner einstigen Bestimmung, die auch für den Namen sorgte, ist nicht mehr viel zu sehen. 

Einst die längste Westerntheke diesseits von allem was sich amerikanisch nennt, hat es sich zu einer Veranstaltungslocation für alles und jeden gemausert. So sah ich in den letzten 30 (oder 40?) Jahren dort u.a. Michelle Shocked, Alex Clare, Tom Odell, aber auch Asaf Avidan. 

Mittlerweile ist die Theke nicht mehr ganz so lange, die Pokertische, die einst im Raum standen, sind wahrscheinlich schon vor vielen Jahren im Speermüll gelandet und es dürfen Wetten darauf angenommen werden: Square Dance Abende finden hier schon lange nicht mehr statt.

Das LKA Longhorn liegt etwas abseits von dem Zentrum Stuttgarts. Eingeklemmt zwischen Büros, Lagerhäuser, einer Schnellstraße, sowie religiöse Zentren und Discounter, ist es atmosphärisch im Stadtrandklima. Hat dadurch aber sicher ein bißchen Narrenfreiheit bezüglich der Lautstärke. 

Lawrence sind eine jener Namen und Gruppen, die man das ganze Jahr erwähnen kann, aber keiner kennt sie. In Amerika mittlerweile in den wichtigsten Talkshows zu Gast, ist es hierzulande noch schwer Tonträger jenseits vom Streamingformat zu finden. 

Dann kommt man zum LKA und die Schlange ist 100 Meter lang, die Leute tragen die T-Shirts der aktuellen Tour und kennen die Songs auswendig.

Das ist der Vorteil für all jene, die an den strategischen Konzertpunkten wohnen. Städte mit einem Flughafen. Orte, die eine schnelle Verbindung zur nächstgrößere Stadt anbieten. Tatsächlich waren Lawrence schon regelmäßig in Stuttgart zu Gast.

Dylan Chambers im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025
Dylan Chambers im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025

Doch zuerst: Dylan Chambers. Der Mann, der zu dritt auf der Bühne auftauchte. Einen Bassisten und einen Schlagzeuger anbei, und den Saal zum rocken brachte. Er nahm das Ding an, wandelte es in einer erstaunlichen Geschwindigkeit und ieferte alles mit, was man an Funk, Bluesrock und Rock’n’Roll brauchte. Dabei ausgestattet mit einem selbstbewußten Charme, der einfing, was einzufangen war.

Er hatte die Riffs großer Funklegenden genauso im Gepäck, wie die Standards des Rhythm’n’Blues. 

Und das so, als wären sie gerade aus der Jukebox in New Orleans entsprungen. Ein Glücksgriff für Lawrence.  Schließlich brachte er das Longhorn innerhalb kurzer Zeit zum Mitsingen, tanzen und swingen. 

Als ob er mit seinem Instrument schlafen und aufwachen würde, lieferte er sich mit seinem Bassisten die harmonischsten Duelle und Solis, die in der knappen Zeit möglich waren. Wie gesagt, Vorband, Job, und diesen vollkommen – mit unbändiger Freude und Einfallsreichtum – erfüllt. 

Zuvor hatte ich Lawrence in Rotterdam auf dem North-Sea-Jazzfest gesehen. In einem komprimierten Programm, gebündelt und gestrafft auf Festivalgröße. Nicht mit einer Vorband gerechnet. Und am Schluss (in Stuttgart) das Gefühl gehabt, ich hätte zwei große Bands gesehen.

Lawrence im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025
Lawrence im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025

Für Lawrence war es der richtige Opener am richtigen Ort. Die Erwartungshaltungen sind seit dem letzten Album „Family Business“ gewachsen. Angeführt von den Geschwistern Lawrence (Gracie und Clyde) klettern sie momentan in Amerika in der Beliebtheit, befinden sich gerade am höchsten Punkt in ihrer Karriere und es ist kein Ende in Sicht. Eine Grammy-Nominierung für „Something in the Water (acoustic)“ wurde gerade verkündet.

Sie kamen in gewohnt breiter Besetzung: Eine dreiköpfige Brass-Section, Vocals bei Gracie und Clyde (während er noch die Keyboards bedient), Schlagzeug, Bass, Gitarre und ich hoffe, ich habe niemanden vergessen. Denn die Bühne war voll, und gab sich im Gesamtbild als Büro mit Stühlen, Tischen, Utensilien, Telefon, Uhren und stilisierten Akten. Alles Teil der Show, alles eingebaut. 

Lawrence sind Profis. Daher war das, was sie ablieferten, wie immer eine, verwegene, wilde Mischung, aus Soul, Pop, Funk und Broadway. Sie nahmen die Bühne in ihrer Breite in Beschlag, boten eine gekonnte Choreographie, die Raum für alle und jeden liessen.

Lawrence können mittlerweile auf vier Alben zurückblicken. Das Material ist so vielfältig und breitgefächert, das Team so eingespielt, dass es ihnen möglich ist, spontan auf die Wünsche des Publikums zu reagieren. 

Die Gratwanderung zwischen der Pop-Ballade, der ausgelassenen Soulnummer und den Funk-Elementen, die ihnen den Spagat zwischen Rock und Discobestandteilen erlauben, beherrschen sie. Gracie wirbelte, im angedeuteten Business-Outfit über die Bühne, die Band begleitete sie mit klassischen Bläsersätzen, ungestümen Solis und einem guten Gefühl für Effekt und Einlagen.

Selbst, herunter gebrochen auf akustische Versionen, offenbarten die Songs ein gekonntes Gefühl für den Aufbau und Struktur, den ein Hit, ein Bestseller und ein erinnerungswürdiger Goldie haben sollte. 

Dass Lawrence ein gutes Händchen und Gefühl, aber auch eine versierte Ausbildung, haben, war daher nicht nur bei der Auswahl ihrer Vorband zu spüren, sondern auch in dem Aufbau der Show, sowie der Kommunikation mit dem Publikum.

Lawrence boten eine Show, mit einem Programm, das satt und fesch seine zwei Stunden erreichte – etwas, was nicht mehr allzu oft passiert. Zu erwarten ist: Nächstes Jahr muss man noch früher kommen, die Schlange vor der Tür wird wahrscheinlich die ganze Straße vom Longhorn einnehmen. Wenn der Laden dann nicht schon zu klein ist.

Externe Links:

Dylan Chambers https://www.dylanchambersmusic.com

Lawrencehttps://lawrencetheband.com

LKA Longhornhttps://lka-longhorn.de