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Ankündigung: Die Grandbrothers im Tollhaus, 02.03.2026

Ankündigung: Die Grandbrothers im Tollhaus, 02.03.2026

Auszug aus der Diskographie der Grandbrothers
Auszug aus der Diskographie der Grandbrothers

Es muss, wenn ich das richtig recherchiert habe, im Jahr 2017 auf dem „Heidelberger Frühling“ gewesen sein, als ich den Grandbrothers zum ersten Mal begegnete. Der „Heidelberger Frühling“ ist ein renommiertes Klassikfestival, das an verschiedenen Festivalorten innerhalb der Stadt begangen wird.

Für Kenner ist es eine Bündelung großartiger KünstlerInnen aus allen Bereichen der Klassik, die innerhalb eines kurzen Zeitraums hervorragende, meist in ihrer Form einmaligen Konzerte geben. Es kommt dabei zu ungewöhnlichen Kombinationen. Dient aber auch für junge Künstlerinnen gerne als Sprungbrett, sich einem größeren Publikum  zu stellen.

Dass der „Heidelberger Frühling“ als Bühne für MusikerInnen aus den Randbereichen und Erneuerungen des Genres dienen kann, bewiesen sie mit einem Auftritt der Grandbrothers in der Halle 02

Die Halle 02 ist in Heidelberg, neben dem Karlstorbahnhof, eine der experimentierfreudigsten Spielstätten, und bot sich nach ihrem Umbau – im Rahmen der Bahnstadtsanierung – als Platform für die jüngere Sparte des Festivals an.

Wenn ich mich richtig erinnere, entstand zu diesem Zeitpunkt gerade das erste Album der Grandbrothers, und so waren sowohl die Tickets günstig, aber auch das Publikum weitgehend unvorbereitet auf das was die beiden Musiker boten.

Sie gingen dabei entschlossen neue Wege. Auf der Bühne ein Piano und ansonsten diverse elektronische Instrumente, nutzten sie sowohl analoge Wege der Klangerzeug, wie auch digitale. Dabei schrecken sie nicht vor ungewöhnlichen Spielweisen und Bedienungen des klassischen Tasteninstrumentes zurück. Erzeugen damit aber einen ganz eigene Kompositionen, die in dieser Form gerne der Neoclassic zugeordnet werden.

Nun ist die Neoclassic ein viel geliebter Begriff, der verwendet wird, wenn MusikerInnen Grenzüberschreitungen wagen, aber eigentlich in der Tradition der Klassik ausgebildet sind und ein Herz für eigene Interpretationen haben. Wie auch bei Meredith Monk oder Moondog zeichnen sich solche Bezeichnungen nicht als treffend aus, sondern können maximal einen Weg weisen, wie man sich ihrer Musik annähern kann. Der Grad zum Jazz in seiner aktuellsten Form, wie auch der Bezug zur Popmusik ist ebenfalls gegeben.

Die Grandbrothers bewegen sich gekonnt auf einem ausgesprochen harmonischen und spannenden Pfad zwischen Electronic, akustischer Ausreizung des Pianos und der Zusammenarbeit mit Remixern. So sind ihre Aufnahmen tauglich für zurückgelehnte Stunden, jedoch auch für den Club. Es macht Spaß sich in den Details ihres Spiels zu verlieren. Die Offenheit für die Szene und ihre Freude an einem guten Einsatz des Drumcomputers lässt auch Raum für aufregende Momente.

Sie sind damit eine Generation, die in der Minimalmusik geschult, und vom Dancefloor beeinflusst, eine Neugier in ihre Musik einfliessen lassen, die ihre Konzerte zu schwer wiederholbaren Events werden lässt. Große Empfehlung, denn so oft kommen sie gar nicht mehr in die Nähe. Mittlerweile sind recht spektakuläre Auftrittsorte auf ihrem Plan, und damit ist es eines der Konzerthighlights in diesem Jahr.

Externe Links:

Grandbrothers – https://www.grandbrothersmusic.com

Tollhaus – https://www.tollhaus.de

Triosence im Tollhaus am 7.12.2025

Triosence im Tollhaus am 7.12.2025

Triosence im Tollhaus am 07.12.2025
Triosence im Tollhaus am 07.12.2025

In ungewohnter Umgebung zeigte sich Triosence am 7.12.2025 im Tollhaus. Nach all den Jahren, in denen sie an den verschiedensten Orten in Karlsruhe gespielt hatten – und dabei ihr Publikum eroberten – fand sich die Musiker nun in dem kleinen Saal der Kulturstätte wieder.

Triosence sind akribische, detailfreudige Instrumentalisten, die mit einer überschäumenden Spielfreude eigentlich im Jazz angesiedelt sind, aber durchaus andere Genres bis hin zur Neo-Classic einfließen lassen. Das machen sie mit einem Verve und einer Nonchalance, die den Abend zu einem einzigartigen Event gestalten. 

Ihr Können aus der 26jährigen Bandgeschichte offenbart eine Harmonie und einen Zusammenhalt, der das Fundament ihrer Partnerschaft, aber auch ein punktgenaues Spiel erlaubt. Triosence sind akkurate Handwerker, verspielte Musiker und im Kleinen wie Großem mit einer verschmitzten Experimentierfreude unterwegs.

Triosence im Tollhaus am 07.12.2025
Triosence im Tollhaus am 07.12.2025

Angereichert mit Anekdoten des Komponisten und Pianospielers Bernhard Schüler, stellte die Band – unterstützt von dem Bassisten Omar Rodriguez Calvo und dem Drummer und Percussionisten Tobias Schulte – ihr neues Album „Stories of Life“ vor. 

Dabei zeigten sie wieder einmal ein einfühlsames, dennoch swingendes, faszinierend groovendes und differenziertes Werk. Dabei war ganz offensichtlich, dass dem ein Fundament aus Erfahrung und fruchtbarerer gegenseitigen Beeinflussung zugrunde liegt. Denn es gehen – und darauf legten sie Wert-  den Stücken Prozesse der Diskussion und der internen Kritik voraus, die es allen ermöglichen ihren Fähigkeiten eine Bühne zu bieten.

So nutzte Tobias Schulte ein Sammelsurium aus knisternden, raschelnden Percussioninstrumente. Er bespielte sie in allen möglichen Varianten, um sie dann mit allem – was ihm zur Verfügung steht –  ganz überraschend zum Klingen brachte. Während Bernhard Schüler das Piano in gleitenden, verlierenden, aber auch gewaltigen Tönen, sowie an den Saiten gezupft und gestrichen, spielte. 

Dem Reichtum an Möglichkeiten folgte Omar Rodriguez Calvo problemlos. Mit geradezu zarter Vehemenz vermochte er dem Swing, den klassischen Jazz, die wilden Jahre in kurzen Zitaten zu beleben, und den Werken einen Drive zu geben, der viel Raum für Einflüsse und kunstvollen Fahrwassern ließ.

Triosence im Tollhaus am 07.12.2025
Triosence im Tollhaus am 07.12.2025

Triosence gehören seit Jahren zu den schwungvollsten und gleichzeitig berührendensten Jazz-Trios, die sich als Grenzgänger betätigten und ihre Nummern wieder mal humorvoll, gespickt mit kleinen Geschichten und Erzählungen vortrugen. Im Gesamtkonzept bündig, konnten sie auf eine Diskographie zurückgreifen, die zwar homogen mit den Coverbildern des Onkels von Bernhard Schüler eine Galerie schmücken mag, aber in der Vielseitigkeit der Komposition für eine lebendigen, farbigen Abend voll den verschiedensten Elementen stand.

Wie die Documenta in Kassel der Stadt zu einem Namen verhalf, so ist das Jazz-Verständnis von Triosence in ihrer Heimatstadt begründet und trägt ihren Ruf durch die Konzerthallen und Clubs der Region. Im Tollhaus führte Triosence zu einer Atmosphäre, die zwischen aufgeregtem Mitwippen und geschlossen Augen schwankte. 

Was wie eine Unvereinbarkeit klingt, gelang der Band innerhalb der einzelnen Kompositionen. Wege und Wanderungen durch musikalische Erzählungen zu gehen, die ein Reichtum an Möglichkeiten und Zitaten bot. 

So klangen vieles heraus, was bekannt und gewohnt nur für Sekunden aufflammte, um zu berühren und ein Lächeln hervor zu zaubern. Triosence offenbarten einen ganz eigenen Humor, der sie und ihr Publikum begleitete und zum Abschluss unwillkürlich zu Standing Ovations führte. 

So das feststand: Alle werden wiederkommen, und ihrem Charme und Können erliegen.

Externe Links:

Triosencehttps://triosence.com

Tollhaushttps://www.tollhaus.de/

Das Vereinsheim im Tollhaus am 2.12.2025

Das Vereinsheim im Tollhaus am 2.12.2025

Das Vereinsheim mit Henny Herz am 02.12.2025 im Tollhaus, Karlsruhe
Das Vereinsheim mit Henny Herz am 02.12.2025 im Tollhaus, Karlsruhe

Eigentlich ein Projekt, dass man Gesamtkunstwerk nennen will. Das Vereinsheim gehört zu jenen Bands, die das Tollhaus zum Wohnzimmer und sich selbst zum Interieur machen. Seit 13 Jahren stellen die Musiker David Maier (Gesang), Nico Schnepf (Keyboards) und der „Visual Artist“ Rouven Eller ein Konzept auf die Beine, dass so ungewöhnlich wie flexibel ist.

Mit ständig wechselnden Gästen gestalten sie, immer zu ähnlichen Zeiten im Frühjahr wie Winter, eine kleine Reihe Konzerte, die sowohl in Mannheim, wie in Karlsruhe, aber auch Mainz, stattfinden. Was sich so unspektakuläre gibt, ist die Zusammenkunft der verschiedensten Musiker, die sich innerhalb kürzester Zeit – quasi von heute auf morgen -auf Arrangements und Spielweisen einigen, die es in dieser Kombination noch nicht gab. Sessions könnten es sein, Events sind es.

Schon im Aufbau, der sich von der regulären Bühne verabschiedet, und die Nähe zum Publikum sucht, unterscheidet sich die Konzertreihe von den üblichen Veranstaltungen. Eingebettet, quasi umgeben von den Menschen, die ihnen beiwohnen, befinden sich die Musiker in deren Mitte. Ausgelegte Teppiche, Lampenschirme, und dazwischen alle Mitglieder sitzend im Kreis – mit dem Rücken zu den Anwesenden – gestalten sie einen Abend, der die intime Atmosphäre zum Programm hat. 

Und dabei erstaunlich beschwingt mit einem satten Groove daherkommen kann.

Die Kombination macht neugierig, die Namen sowieso. Als Gäste waren dieses Mal Tomek Witiak an der Gitarre, David Mette an den Drums, Joel Fonsegriven am Bass, aber auch Bartleby Delicate, ein kraftvoller Singer-Songwriter mit ausdrucksstarker Stimme aus Luxemburg, sowie Henny Herz, eine junge Sängerin, die ihre eigenen Stücke vortrug, anwesend. 

Die charmante Lässigkeit der Präsentation, die David Maier als Gastgeber und Moderator des Abends bewies, ging einher mit dem breiten und fast nostalgischen Sound der Orgel, die Nico Schnepf bediente. So zurückgelehnt die Musiker in ihren Sesseln saßen, und das Publikum in der bestuhlten Halle lauschte – so rhythmisch, geradezu tanzbar konnte es werden. Das waren die coolsten Elemente des Jazz, ebenso vertreten, wie die relaxten Disco-Rhythmen, der frühen Souljahre.  Wo David Mette seine Vielseitigkeit am Schlagzeug bewies, ergänzte ihn Nico Schnepf mit einem verspielten Klang, der die Wärme der frühen Jahre vermitteln konnte.

Die Abende, die das Vereinsheim gestaltet, sind eingepackt in ein visuelles Lichtdesign, dass den kompletten Saal je nach Stimmung ausleuchtet, begleitet – dabei mit Bildern, Symbolen von allen Seiten flutet und ihn dadurch erweitert, begrenzt oder konzentriert. Je nach Song, je nach Farbe, nach Arrangement.

Die SängerInnen wechselten sich ab, hatten vor der ersten Pause jeweils ein Set mit 2-3 Songs, umgeben von einer sanften Art des poetischen Chansons, die humorvoll von David Maier vorgetragen wurde. Ein Spektrum zwischen Sommerregen und Klimakleber, mit viel Sinn fürs Detail und mutigen Ausflügen in alle möglichen musikalischen Anleihen. Hingebungsvoll in der Dramatik, leise und berührend an den ruhigen Stellen mit einer schmunzelnden Ironie im Detail.

Bartleby Delicate hatte dabei die Kraft und Entschlossenheit dem Karlsruher Publikum in Erinnerung zu bleiben. Geradezu klassisch war er – so berichtete er – es gewohnt, seine Aufnahmen zwar mit Band einzuspielen, aber auf der Bühne in der Regel alleine vorzutragen. Um so mehr genoss er die Vielfalt der Möglichkeiten, das versierte Spiel seiner Mitstreiter, und den vollen Umfang eines Sounds, der seinen Songs das richtige Fundament und viel Wirkung gaben. 

Seine melancholischen Rocksongs, die vor allem durch seine stimmliche Interpretation hervorstechen, bewiesen damit eine Qualität, die ein Wiedersehen nicht nur wünschenswert, sondern sicherlich möglich machen. Das Vereinsheim zeigte mit ihm, aber auch mit Henny Herz, und überhaupt allen anwesenden Künstlern einen guten Instinkt für ein gelungenes Zusammenspiel. 

Zugegeben: Henny Herz war sowieso mit ein Grund, das Konzert zu besuchen. Bisher nur bekannt durch ihr letztes Album, war ich gespannt auf ihren Auftritt. Das Vereinsheim schuf ihren Stücken dichte Räume, eine starke Dramatik und weite Landschaften. Henny Herz zeichnet sich durch eine sehr ruhige, zurückhaltende Instrumentierung aus, bewies aber mit „Weirdo“ und dem Hintergrund durch das Vereinsheim eine  spannende Richtung, die dem Blues eine tiefe Färbung verliehen.

Sie gehört mit ihren gesanglichen Möglichkeiten, der Modulation und Gestaltung ihrer Songs zu einer der interessantesten Interpretinnen im Songwriting-Genre. Ihre Songs, die sowohl zerbrechlich, geradezu berührend fragil wirken, mögen sich hin und wieder durchaus in eine rockige Richtung steigern, aber sind vor allem sehr gefühlvolle Erzählungen und Betrachtungen, die dem Abend viel gaben und damit die beste Wahl waren.

Die Kunst, eine solche Konzertreihe von einem Samstag auf einen Sonntagabend zu schaffen, mit Musikern, die aus allen Ecken der Republik anreisten, und damit den vorgetragen Stücken neues abzugewinnen – und ungehörte Fehler einfliessen zu lassen, die sowieso niemand bemerkt – machte allen Beteiligten spürbar Spaß. 

Ist das, was den Reiz ausmacht. Zum Wiederbesuch einlädt. Vielleicht schon für den nächsten Abend. Den jeder ist angeblich anders. 

So wie es aussah, kamen alle Besucherinnen wieder. Seit Jahren. Hat Gründe.

(Dieses war übrigens der 200ste Artikel auf Jazznrhythm.com)

Externe Links:

Henny Herzhttps://www.hennyherz.com

Bartleby Delicatehttps://www.bartlebydelicate.live

Das Vereinsheim https://www.dasvereinsheim.com

Das Tollhaushttps://www.tollhaus.de/

Meinung zu „Gehts noch, Karlsruhe?“

Meinung zu „Gehts noch, Karlsruhe?“

Gehts noch Karlsruhe?
Gehts noch Karlsruhe?

Einführung

Das Thema klingt abstrakt, die Situation überspitzt und die Argumentation überrascht. Karlsruhe hat sicherlich mehr Probleme als nur die Club- und Eventkultur. Eine Kürzung um weniger als 10%  in diesem Bereich scheint dabei marginal und vertretbar. 

Der Haushalt für das nächste Jahr sieht im Bereich der Kulturförderung eine pauschale Reduzierung vor. Eine ausführliche Aufstellung der Mittel und weiteres Material zum Thema findet sich auf der Seite https://gehtsnochkarlsruhe.de/ .

Faktisch wäre damit der Komplex erklärt und aufgezeigt. Einzelne Location empfinden die Situation, je nach ihrer Finanzierung, different. Treffen tut es alle. In verschiedenen Artikel versuchten die „Badischen Neuesten Nachrichten“ die Lage für einzelne Einrichtungen dar zu stellen. Es gab dabei Aufstellungen  über die individuellen Ausgaben, ein Hinweis auf die Engpässe, die Variablen, die teilweise noch zum Jahresbeginn unkalkulierbar bleiben und einen groben Überblick über die Szene in Karlsruhe.

Das Problem muss allerdings im Kontext der zur Zeit stattfindenden Entwicklungen gesehen werden. Dafür ist es notwendig etwas weiter auszuholen. 

Karlsruhe hat eine sehr reiche – in manchen Punkten auch einzigartige und –  gepflegte Kultur an Livelocations. Es gibt ein kollegiales, fast familiäres Nebeneinander der Veranstaltungsorte, die gerne auch übergreifend und gemeinsam operieren. Je nach Größe mancher Events wird auf die Option zurückgegriffen, eine Veranstaltung zu verlegen oder weiter zu reichen. Das macht Karlsruhe sehr flexibel und attraktiv für seine Gäste. 

Städte in der Größenordnung Karlsruhes werden gerne von Bands mitgenommen, sind aber nicht der Anziehungspunkt für internationaler Superstars. Hier rangieren Berlin, Hamburg, München und Köln in wechselnder Rangfolge auf den ersten Plätzen. In Städten wie Karlsruhe ist es daher notwendig, eine kleine, flexible Szene aufrecht zu halten. Diese macht die Stadt für den Zuzug, den Studenten, aber auch Touristen attraktiv. 

Eine lebendige Konzertszene belebt Stadtviertel, lässt im Umfeld Lokale, Restaurants, Hotels entstehen und vermeidet Ghettosituation. Stadtteile werden dadurch als lebendig wahrgenommen und wandeln sich nicht in reine Schlafstätten. Live-Events binden Menschen an ihr Viertel und beleben die Nachbarschafts- und Vereinsstruktur aktiv.

Soll heißen: Die Arbeit an einer lebendigen Kulturszene ist ein wertvolles Gut, das eine Stadt der Größe Karlsruhes auf der Habenseite verbuchen kann. Es ist stellt keine Ausgabe dar, deren Gewinn nicht berechenbar ist.

Mit ein bißchen Vorstellungskraft, darf man gerne davon ausgehen, was die Kaiserpassage ohne den Jazzclub, der Werderplatz ohne das KOHi, der Schlachthof ohne die Alte Hackerei, das Substage und das Tollhaus wäre. 

Die Anziehungskraft des Schlachthofs, die gemeinsame Identifikation mit dem zur Verfügung gestellten Raum, ergibt sich aus der Möglichkeit, den Bereich Tag und Nacht zu nutzen. Also Arbeit und Freizeit in Einklang zu bringen.


Eine solche, einzelne Institution – wenn sie sich etabliert hat –  und zum Anziehungspunkt für Auswärtige und Einheimische geworden ist, in Frage zu stellen, in dem man die Existenz mancher Lokalitäten bedroht, ist auch eine Variante sich selbst (als Stadt)  in Schieflage zu bringen.

Es dauert Jahrzehnte eine lebendige Kulturszene aufzubauen

Wichtig ist dabei zu bedenken: Die meisten Kulturstätten, die aufgrund eines privaten Einsatzes, meist ohne Entgelt, aufgebaut und geführt werden, haben lange Jahre und Durststrecken hinter sich. Eine Basis und ein Publikum als Fundament zu finden, bedarf viel Kommunikation, Einfühlungsvermögen und die entsprechende Sensibilität, für das was funktioniert und genau hier passt.

Wenn es heute einen Unterstützerkreis gibt, die Publikumszahlen nach Corona wieder ein interessantes Niveau erreichen, dann verbergen sich dahinter Jahre, teilweise Jahrzehnte an mühevolle Arbeit Kultur zu etablieren und einem Publikum nahezubringen. 

Dieses gilt – ohne Ausnahme – für jeden Veranstaltungsort. Alle haben mit Fingerspitzengefühl bewiesen, dass sie es geschafft haben, einen Bereich zu schaffen, der charakterlich in sein Umfeld passt, sich arrangiert und einem Genre und ganzen Generationen an MusikerInnen eine Heimat zu bieten.

Es ist nahezu unmöglich innerhalb eines Jahres so etwas in diesem Kultur-Bereich zu etablieren. Es bedarf Vertrauen, Erfahrung, einem Netzwerk im Hintergrund und ein Umgang mit den Kreativen, der sich über diesen Zeitraum aufbaut.

Clubbesitzer, ehemalige, aber auch gegenwärtige, die das Thema stemmen wollten, können davon ein Lied singen. Was heute verschwindet, das wird für die nächsten Jahre nicht wieder auftauchen oder erneuert werden können. 

Der Schaden, der durch verschwundene Kultur, entsteht, wird beträchtlich sein. Wenn sich Restaurants und Lokale im Umfeld von Kulturstätten ansiedeln, dann mag das zufällig wirken, aber die Beziehungen sind bei genauer Betrachtung erkennbar. Die Schließung einer solchen Stätte wird unwillkürlich – fast ohne Verzug – auch zu einer merklichen Veränderung der Gastronomie führen. Im schlimmsten Fall zu einer Verödung.

Der Werderplatz und das KOHI

Als Beispiel sei der Werderplatz genannt. Ein Sorgenkind der Stadt. Im Laufe der Jahre gab es verschiedene Versuche die Attraktivität zu erhöhen, mit Verboten, Verwarnungen, Einsätze und auch Hilfsangebote. Die zunehmende Erhöhung der  Attraktivität durch Biergärten, Lokalitäten, Kulturangebote haben den Werderplatz mittlerweile wieder zu einem Anziehungspunkt gemacht, der auch für Außenstehende und über die Grenzen der Stadt interessant ist. Das KOHI in der Mitte des Platzes ist mittlerweile bei aufstrebenden MusikerInnen und KünstlerInnen, aber auch als Galerie ein Begriff. Es wird geschätzt, gelobt und mit Preisen erwähnt. In seinem Umfeld legen DJs in den umliegend Lokalen auf, haben sich Events auf dem Platz etabliert, fungiert mittlerweile eine lebendige Szene.

Das NUN in der Oststadt

Das NUN in der Oststadt erfüllt ähnliche Zwecke. Es bietet einen kleinen experimentellen Rahmen für ruhige, zumeist akustische Konzert in einer Atmosphäre, die in dieser Form einmalig ist. 

Ist damit ein Ort, der vor allem für ruhige, junge Künstler aus aller Welt zu einem Begriff wurde. 

Etwas wie das NUN, das immer noch- nach Jahren – als geschätzter Geheimtipp fungiert, arbeitet ausschließlich auf einer Vereinsbasis, die vom Aufwand nahe an der Selbstausbeutung ist. Niemand wird bezahlt, alles, was dort – in einer freundlichen, zuvorkommenden Atmosphäre – geschieht, passiert freiwillig. Abends, nach dem jeweiligen Broterwerb der Mitglieder! 

Es belebt die Oststadt, stärkt ihre Position als kulturell interessanter Ort und hilft bei der Attraktivität für alle Bewohner des Stadtteils.

Die Coronajahre

Doch die Thematik ist noch um einiges größer: Die Coronajahre waren für die Kulturbranche ein Fiasko und führten vielerorts zum Zweifel an der Sinnhaftigkeit   – daran sich von seiner Leidenschaft zu ernähren. 

Die Situation wurde, trotz versuchter Unterstützung, teilweise prekär und unverhältnismäßig hart. Man merkt es auch, dass – obwohl wir uns heute alle so fühlen, als ob das weit in die Vergangenheit liegt – es für Künstlerinnen sich so verhält, dass dasThema nach wie vor präsent ist. Es hat Einzug gefunden hat in Songs, Bücher und Bilder. 

Die Coronajahre waren ein Einschnitt. Manche fanden da nicht mehr raus. Das Publikum brauchte sehr lange, um wieder wie gewohnt in Konzerte zu gehen. Einige machen das bis heute nicht mehr.

Die Coronajahre sind in der Biografie vieler KünsterlerInnen verlustbehaftete Einschnitte, die noch lange, auch weit über die Zeit hinaus, spürbar sein werden. Den Faden wieder aufzunehmen, den Anschluss wieder zu finden, das war und ist nicht einfach. Bands hatten sich aufgelöst, Veröffentlichungen floppten, weil Tourneen nicht stattfinden konnten und manche InterpretInnen verloren ihre Stimme und fanden sie nicht wieder.

Nach den Coronajahren sind vor allem die kleinen Clubs und Locations sozusagen Auffangstationen, um Schritte in die Normalität zu wagen. Für Künstlerinnen wurde es unfassbar wichtig, eine Vielfalt an Auftrittsorten zu haben, die sie wieder nutzen konnten. Es ist den meisten eben nicht vergönnt Hallen zu füllen, sie müssen Orte finden, an denen sie die Näherung ans Publikum wieder testen, ausprobieren und sich finden konnten.

Aber auch das Publikum brauchte  – und braucht immer noch – diese sanfte Hinführung zu einem normalen Weiterführen des Kulturbetriebes. Das Thema ist fragil, aber noch immer scheuen Menschen große Ansammlungen und größere Hallen wegen der durchaus berechtigten Gefahr vor infektiösen Krankheiten. Normalität wieder zu lernen, diesem auch eine Basis zu geben und eine Plattform zu schaffen, auf der sich KünstlerInnen erproben testen und wiederfinden können, ist auch eine Aufgabe der kleinen, mutigen Orte.

Streamingdienste !

Gleichzeitig boomten Streamingdienste. Der Tonträgermarkt (CDs und Vinyl-Veröffentlichungen) dagegen brach fast komplett weg. Für KünstlerInnen, die sich auf dem Weg befinden, und noch nicht die erhoffte Popularität erreicht haben, ist der monatliche Erlös aus Streamingdiensten nicht ausreichend, um ein Leben zu finanzieren. 

Die Erträge sind in den seltensten Fällen ausreichend zu nennen. Oft erfüllen diese Plattformen maximal einen Werbeeffekt, aber zum Erhalt einer Kultur leisten sie in der Regel nichts. 

MusikerInnen finanzieren sich über Auftritte bzw. über den sogenannten Merch-Verkauf (T-Shirts, Tonträger etc.) , der bei Auftritten möglich ist. 

Auftritte, verbunden mit Merch, sind die Haupteinahmequellen vieler Bands und Solo-KünstlerInnen. Selbst wenn ihre Namen ausgesprochen bekannt sind, kann man sagen: Wer in den Karlsruher Clubs und Auftrittsorten unterwegs, finanziert sich in der Regel genau über diese Optionen. Und nicht über die Klicks bei Spotify und Konsorten.

Fällt nur einer dieser Auftrittsorte weg – und das ist keine gewagte Rechnung – kann man pauschal sagen, dass ca. 75 MusikerInnen und Bands im Jahr weniger in Karlsruhe auftreten werden.

Das mag wenig erscheinen. Ist aber sehr niedrig angesetzt. 

Das gilt für all jene jungen Gruppen, die sich augenblicklich noch in einen Tourbus setzen, teilweise stundenlange Fahrten auf sich nehmen und davon ausgehen, dass es sich für sie lohnen könnte, in unserer Stadt aufzutreten. Setzt sich dieser Trend zur Kürzung der Kulturförderung durch, dann müssen wir damit rechnen, dass Karlsruhe unattraktiver wird für besuchende KünstlerInnen, weil weniger davon leben können. Aber auch, weil Karlsruhe nicht mehr soviel zu bieten hat. 

Ich sprach nur von einem Auftrittsort. Die Zahl lässt sich locker fortführen und um jeden weiteren, sterbenden Auftrittsort nach oben fortsetzen.

Die Einschnitte betreffen dann nicht nur Clubs, Locations, Auftrittsorte und die begleitende Gastronomie, sondern und vor allem aufstrebende, hoffnungsvolle Talente.

Wenn es unattraktiv wird, sich in diesem Metier auszuprobieren, werden erstmal regionale Bands verschwinden und sterben, aber selbstverständlich ist Karlsruhe nur eine von vielen Gemeinden, die auf diese Weise versucht Geld zu sparen. Die Kultur – weil scheinbar nicht wirklich gewinnbringend für eine Region (und sicherlich in der Lage von sich selbst zu leben) – ist immer einer der Posten, den man gerne beschneidet. 

Aber es macht einen Beruf, der eher Berufung ist – denn er ist selten mit materiellen Anreizen verbunden – zunehmend unattraktiv und führt damit zu einem Flaschenhalseffekt. Am Schluss werden eben nur noch jene bleiben, die tendenziell doch von den Streamingdiensten leben können. Das sind dann nicht die jungen, experimentellen, wagemutigen KünstlerInnen, sondern ganz klar chartsorientiere ,Marketing-erprobte und KI-generierte, sowie videotaugliche Stücke, die einen Kompromiss in Sachen Geschmack darstellen. 

Was Musik für Karlsruhe bedeuten könnte

Für die Städte wie Karlsruhe würde es bedeuten: Eine Verödung der Kulturlandschaft, Einbußen in den begleitenden Lokalitäten, Plätze und Stadtteile, die darunter leiden werden, sowie eine zunehmende Anonymisierung in der Kulturszene und das über Jahrzehnte hinaus.

Es ist die Entscheidung, die momentan noch gefällt werden kann, die aber in ihren Folgen scheinbar nicht richtig eingeschätzt wird. Es wäre an der Zeit, das Karlsruhe seine Musikszene als Kapital erkennt, dass über die Stadtgrenzen hinaus Potential zur Profilierung hat.

Karlsruhe hat eine lebendige, fruchtbare Szene und es wäre an der Zeit, dass man stolz darauf ist. Es ist etwas, mit dem sich zu werben lohnt, denn es bringt weit mehr Kapital in die Stadt und in das Umfeld der Örtlichkeiten als man auf dem ersten Blick sieht. 

Karlsruhe hat es über viele Jahre versäumt, seine Geschichte der populären Musik aufzuarbeiten und zu pflegen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sich um Versäumnisse handelt, deren Aufarbeitung erst mal zeigen, wo Karlsruhe noch Optionen hat, seine Vorteile für Investoren, Studenten und Touristen zu zeigen. Das darf nicht einfach so zerstört werden.