Der Spieler – Teil 4

Der Spieler ist ein Fortsetzungsroman auf den Seiten von Jazznrhythm.com. Unregelmäßig, ohne Ankündigung, oder einem festen Termin, erscheinen weitere Abschnitte.
Andreas Allgeyer, 28.01.2026
Dieses ist der vierte Teil, in dem endlich mal Cörd vorgestellt. Wer ist Cörd? Das ist Cörd:
Kurt nannte sich Cörd. Niemand wußte warum. Aber es fragte auch keiner. Vermutlich, weil es origineller klingen sollte. Ein bißchen fremd, ein bißchen amerikanisch.
Eigentlich ist das überhaupt nicht die Geschichte von Cörd. Aber mit Cörd fing alles an. Es war spätnachmittags. An einem Tag ohne Termin im Kalender. Der war bereits Geschichte. Für mich. Vollendet und abgehakt. Ich setzte mir einen koffeinfreien Kaffee auf, schaute mir Schönheiten und bunte Videos im Netz an und hatte beschlossen, dass es Zeit für die Jogginghose war.
Cörd rief mich an. Aufgeregt, mit überschnappender Stimme. Sein Atem war hektisch, der Klang heiser und alles an daran wirkte so, als befände er sich in einer Schieflage.
Wir hatten vor Jahren unsere Schlüssel mal ausgetauscht. Dachten uns, das wäre sinnvoll. Für Singles. Man weiß ja nie. Seitdem hing das Ding auf dem Flur. Ich hatte es nie benutzt, aber steckte es schnell ein.
Machte, dass ich zu ihm kam. Er wohnte, in diesen Jahren, ausgesprochen gut. Viel zu viel Platz für einen alleine. Eine Villa in der Stadt, die für einige Mietwohnungen zersplittert wurde. Von Gärten umgeben, hohe Decken, hübsch gelegen in einer Allee. Platz für mindestens zwei Wohngemeinschaften, aber er wohnte darin alleine. In anderen Städten unbezahlbar, aber Karlsruhe war für Überraschungen gut. Er lebte darin allerdings schon seit ich ihn kannte. Es war gut möglich, dass er einen Preis dafür zahlte, der in den siebziger Jahren noch üblich war.
Die siebziger Jahre. Ja, zugegeben, wir waren bereits zwei alten Herren. Begleitet von erstaunlichen Schmerzen und blöden Einfällen. Wir hatten es geschafft einige Jungs zu überleben. Deren Haare waren bunter, der Stil war wilder und die Drogen von anderen Eltern. Ich war einer von den Braven. Und Cörd hatte immer nur so getan, als gehörte mit dazu.
Cörd war einer von denen, die darüber viel erzählen konnten. Weil er mit einem Fuß immer dort geblieben ist. Bei den Bonanzarädern, und der Musik von irgendwelchen Gruppen, deren Sänger geföhnte Haare und breite Schultern trugen. Ich mochte die Siebziger nie. Cörd war ganz verliebt. Er mochte das, sammelte Tonträger wie verrückt und gab überhaupt eine Menge Geld für Dinge aus, die aus dieser Zeit stammten.
Seine Wohnung war an manchen Stellen eine quietschbunte Landschaft mit überteuerten Möbeln von halbtoten Designern, die zu lange an der Säure genascht hatten. Plastik mit Lack, Lack mit Holz, Holz mit Metallstreben. Das alles in den Farben der Gummibären. Cörd konnte verzückt von Memphis sprechen. Das war eine stylistische Werkstatt in Italien. Nicht der Ort in Tennessee. Die machten eine Zeitlang wilde Sachen für Karl Lagerfeld. Andere Menschen kauften das nicht. Oder halt eben mal eines dieser Teile. Ein einziges. Cörd ergatterte sie auf Flohmärkten, Haushaltsauflösung, selbst im Sperrmüll.
Damit ist auch schon beschrieben, wie bei ihm die Zeit verging. Was er den ganzen Tag machte. Es war kein guter Tag, wenn er nicht irgendwas mit heimbrachte. Eine Platte von einer obskuren, vergessenen Band. Ein Hocker mit Zebrafell. Oder einen spindeldürren, schweigsamen jungen Mann, den er hoffte zu verführen.
„Hast du einen erwischt?“ Er klang nicht mehr wie am Telefon, aber das leichte Gurgeln war nicht beruhigend. Stand mir zwar gegenüber, aber hielt sich mit einer Hand am Tisch. Mit der unverletzten. Die sah trotzdem nicht gut aus.
Ich schüttelte den Kopf. „Du solltest einen Arzt rufen. Ich meine das ernst, Cörd!“