Der Spieler – Teil 3

Der Spieler ist ein Fortsetzungsroman auf den Seiten von Jazznrhythm.com. Unregelmäßig, ohne Ankündigung, oder einem festen Termin, erscheinen weitere Abschnitte.
Andreas Allgeyer, 26.01.2026
Dieses ist der dritte Teil, in dem es um Haaresbreite, eigentlich Haareslänge, geht. Aber im wahrsten Sinne das Wortes.
„Machen wir uns nichts vor: Seit es das verdammte Internet gibt, gibt es mehr Remixe von Elvis-Songs als uns lieb ist. Es ist gut möglich, dass du einem Scherzbold auf dem Leim gegangen bist. Eine umbeschriftete Platte in einer Country-Kiste von einem amerikanischen DJ, der der Wert nicht kennt. Das klingt nicht gut.“
„Ich weiß, ich weiß. Das brauchst du mir nicht erzählen. Das ist klar. Aber – pass auf. Ich habe den ganzen Kram durchgehört. Viel Zeug über die Smoky Mountains. Western Swing. Komische Sachen. Banjo. Fiddle, Ziemlich uriger Kram. Gefällt mir. Aber – aber diese Platte stach heraus. Die Jungs stellten sich vor, kicherten wie verschüchterte Mädchen, und dann die Stimme, Elvis, dieser verdammte, tiefe Blues. Diese dunkle Stimme. Das ist Elvis.“
Es war eine Mischungen aus Bitte und Besessenheit. Er glaubte fest daran. Eine Religion. Eine Reliquie. Eine Ikone.
Ich schüttelte den Kopf. All die Platten, denen ich schon begegnet bin. Bootlegs, weiße Labels, Replikas, Faksimile, Geschmier auf dem Cover, das als Autogramm verkauft wurde, reine Satire.
Es gab soviel auf dem Markt. Ich versuchte mit ihm so zu reden, wie mit jemanden, der den Teufel in sich trug. Mit ruhiger Stimme. Bedächtig. Zurückhaltend. Ihm Raum geben, aber den Standpunkt nicht verlieren.
„Elvis. Es gibt zwei Millionen Imitatoren. Wettbewerbe. Überall auf der Welt. Nichts einfacher, als eine Platte zu machen, die so tut als ob. Sie muss nicht echt sein. Gute Studiotechniker, Musiker, Karaoke Sänger. Es gibt so viele Möglichkeiten. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll.“
Sein Atem ging tief, langsam, als müsste er mir endlich etwas erklären. Während er gleichzeitig die geronnen Reste seines Blutes von der Wange knibbelte.
„Das dachte ich auch. Genau wie du Ich dachte das ist ein Scherz. Es gibt Bücher dazu. Ich habe sie alle gelesen. Nirgendwo steht etwas von einer Aufnahme. Ich schrieb dem DJ. Ich wollte wissen, woher er das Zeug hat. Er wußte es selbst nicht. Sprach etwas von Feldaufnahmen. Du kennst das, oder? Typen, die mit ihren Mikrofon und Bandgerät durch die Gegend zogen, um Aufnahmen zu machen. War damals üblich.“
„Sie zogen über die Dörfer…“
„Genau. Forscher. Legten ein Archiv an. Wunderbare Sache sollte man meinen…“
Genau in diesem Moment, als ich ihm aufmerksam zuhören wollte, und schon fast bereit war, irgendwas zu glauben, splitterte Glas. Etwas flog über meine Kopf. Streifte die Haare. Ich duckte mich. Neben mir krachte es in den Küchenschrank.
Es hatte meine Haare berührt. Ich langte mir auf den Kopf. Ich hatte nicht so lange Haare.
Er sah mich erschrocken an. „ Das ging genau über dich drüber!“
Ich sprang auf. Das Fenster hatte ein deutliches Loch. Dahinter, im Garten, war niemand zu sehen. Auf dem Boden lagen die Glasteile. Beim Umdrehen sah ich den Backstein auf dem Boden. Ein bißchen tiefer, und ich hätte daneben gelegen.
Die Wohnung lag im Erdgeschoss. Wegen seiner Katze. Immer Erdgeschoss. Ich riss die Verandatür auf. Dieser verwilderte Garten, durch den rannte, war ein Fluch an Schatten und Wurzeln. Nur von einer nachgebildeten Laterne beleuchtet. Aber ging direkt auf die Straße. Eine Allee, durchsetzt mit Parkplätzen und umgeben von Altbauten. Links und rechts, fast endlos, eine schöne Gegend. Der Abend war hereingebrochen. Wir hatten es gar nicht gemerkt. Ein paar Spaziergänger, die ihre Hunde mit den Bäumen konfrontieren. Nichts, sonst. Die Laternen waren Nachbildungen aus der Jahrhundertwende. Gedimmtes LED. Wegen der Romantik.
Ich zuckte mit den Schultern. Da hatte irgendjemand aus diesem Garten einen Backstein in das Fenster geworfen.