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Autor: Andreas Allgeyer

DJ, Zeitungsausträger, Hydraulik-Fachverkäufer, Autor, Bankkaufmann, pädagogische Arbeit, IT-Verkauf, IT-Administrator, IT-Support, Support in der Medizintechnik (Ophthalmologie), Community-Administration (Musik, Literatur, Foto etc.), Datenschutzkoordinator, Datenschutzauditor etc. etc.
Lawrence (Support: Dylan Chambers)  im LKA, Longhorn, Stuttgart am 08.11.2025

Lawrence (Support: Dylan Chambers)  im LKA, Longhorn, Stuttgart am 08.11.2025

Lawrence im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025
Lawrence im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025

Jemand besseren als Dylan Chambers hätten sie für diesen Job wahrscheinlich nicht finden können. Lawrence traten im LKA-Longhorn auf. Dylan Chambers absolvierte seinen dritten Auftritt in Deutschland und überraschte wahrscheinlich alle. 

Das LKA Longhorn hat schon einige Jahre hinter sich. Von seiner einstigen Bestimmung, die auch für den Namen sorgte, ist nicht mehr viel zu sehen. 

Einst die längste Westerntheke diesseits von allem was sich amerikanisch nennt, hat es sich zu einer Veranstaltungslocation für alles und jeden gemausert. So sah ich in den letzten 30 (oder 40?) Jahren dort u.a. Michelle Shocked, Alex Clare, Tom Odell, aber auch Asaf Avidan. 

Mittlerweile ist die Theke nicht mehr ganz so lange, die Pokertische, die einst im Raum standen, sind wahrscheinlich schon vor vielen Jahren im Speermüll gelandet und es dürfen Wetten darauf angenommen werden: Square Dance Abende finden hier schon lange nicht mehr statt.

Das LKA Longhorn liegt etwas abseits von dem Zentrum Stuttgarts. Eingeklemmt zwischen Büros, Lagerhäuser, einer Schnellstraße, sowie religiöse Zentren und Discounter, ist es atmosphärisch im Stadtrandklima. Hat dadurch aber sicher ein bißchen Narrenfreiheit bezüglich der Lautstärke. 

Lawrence sind eine jener Namen und Gruppen, die man das ganze Jahr erwähnen kann, aber keiner kennt sie. In Amerika mittlerweile in den wichtigsten Talkshows zu Gast, ist es hierzulande noch schwer Tonträger jenseits vom Streamingformat zu finden. 

Dann kommt man zum LKA und die Schlange ist 100 Meter lang, die Leute tragen die T-Shirts der aktuellen Tour und kennen die Songs auswendig.

Das ist der Vorteil für all jene, die an den strategischen Konzertpunkten wohnen. Städte mit einem Flughafen. Orte, die eine schnelle Verbindung zur nächstgrößere Stadt anbieten. Tatsächlich waren Lawrence schon regelmäßig in Stuttgart zu Gast.

Dylan Chambers im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025
Dylan Chambers im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025

Doch zuerst: Dylan Chambers. Der Mann, der zu dritt auf der Bühne auftauchte. Einen Bassisten und einen Schlagzeuger anbei, und den Saal zum rocken brachte. Er nahm das Ding an, wandelte es in einer erstaunlichen Geschwindigkeit und ieferte alles mit, was man an Funk, Bluesrock und Rock’n’Roll brauchte. Dabei ausgestattet mit einem selbstbewußten Charme, der einfing, was einzufangen war.

Er hatte die Riffs großer Funklegenden genauso im Gepäck, wie die Standards des Rhythm’n’Blues. 

Und das so, als wären sie gerade aus der Jukebox in New Orleans entsprungen. Ein Glücksgriff für Lawrence.  Schließlich brachte er das Longhorn innerhalb kurzer Zeit zum Mitsingen, tanzen und swingen. 

Als ob er mit seinem Instrument schlafen und aufwachen würde, lieferte er sich mit seinem Bassisten die harmonischsten Duelle und Solis, die in der knappen Zeit möglich waren. Wie gesagt, Vorband, Job, und diesen vollkommen – mit unbändiger Freude und Einfallsreichtum – erfüllt. 

Zuvor hatte ich Lawrence in Rotterdam auf dem North-Sea-Jazzfest gesehen. In einem komprimierten Programm, gebündelt und gestrafft auf Festivalgröße. Nicht mit einer Vorband gerechnet. Und am Schluss (in Stuttgart) das Gefühl gehabt, ich hätte zwei große Bands gesehen.

Lawrence im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025
Lawrence im Longhorn in Stuttgart am 08.11.2025

Für Lawrence war es der richtige Opener am richtigen Ort. Die Erwartungshaltungen sind seit dem letzten Album „Family Business“ gewachsen. Angeführt von den Geschwistern Lawrence (Gracie und Clyde) klettern sie momentan in Amerika in der Beliebtheit, befinden sich gerade am höchsten Punkt in ihrer Karriere und es ist kein Ende in Sicht. Eine Grammy-Nominierung für „Something in the Water (acoustic)“ wurde gerade verkündet.

Sie kamen in gewohnt breiter Besetzung: Eine dreiköpfige Brass-Section, Vocals bei Gracie und Clyde (während er noch die Keyboards bedient), Schlagzeug, Bass, Gitarre und ich hoffe, ich habe niemanden vergessen. Denn die Bühne war voll, und gab sich im Gesamtbild als Büro mit Stühlen, Tischen, Utensilien, Telefon, Uhren und stilisierten Akten. Alles Teil der Show, alles eingebaut. 

Lawrence sind Profis. Daher war das, was sie ablieferten, wie immer eine, verwegene, wilde Mischung, aus Soul, Pop, Funk und Broadway. Sie nahmen die Bühne in ihrer Breite in Beschlag, boten eine gekonnte Choreographie, die Raum für alle und jeden liessen.

Lawrence können mittlerweile auf vier Alben zurückblicken. Das Material ist so vielfältig und breitgefächert, das Team so eingespielt, dass es ihnen möglich ist, spontan auf die Wünsche des Publikums zu reagieren. 

Die Gratwanderung zwischen der Pop-Ballade, der ausgelassenen Soulnummer und den Funk-Elementen, die ihnen den Spagat zwischen Rock und Discobestandteilen erlauben, beherrschen sie. Gracie wirbelte, im angedeuteten Business-Outfit über die Bühne, die Band begleitete sie mit klassischen Bläsersätzen, ungestümen Solis und einem guten Gefühl für Effekt und Einlagen.

Selbst, herunter gebrochen auf akustische Versionen, offenbarten die Songs ein gekonntes Gefühl für den Aufbau und Struktur, den ein Hit, ein Bestseller und ein erinnerungswürdiger Goldie haben sollte. 

Dass Lawrence ein gutes Händchen und Gefühl, aber auch eine versierte Ausbildung, haben, war daher nicht nur bei der Auswahl ihrer Vorband zu spüren, sondern auch in dem Aufbau der Show, sowie der Kommunikation mit dem Publikum.

Lawrence boten eine Show, mit einem Programm, das satt und fesch seine zwei Stunden erreichte – etwas, was nicht mehr allzu oft passiert. Zu erwarten ist: Nächstes Jahr muss man noch früher kommen, die Schlange vor der Tür wird wahrscheinlich die ganze Straße vom Longhorn einnehmen. Wenn der Laden dann nicht schon zu klein ist.

Externe Links:

Dylan Chambers https://www.dylanchambersmusic.com

Lawrencehttps://lawrencetheband.com

LKA Longhornhttps://lka-longhorn.de

Meinung zu „Gehts noch, Karlsruhe?“

Meinung zu „Gehts noch, Karlsruhe?“

Gehts noch Karlsruhe?
Gehts noch Karlsruhe?

Einführung

Das Thema klingt abstrakt, die Situation überspitzt und die Argumentation überrascht. Karlsruhe hat sicherlich mehr Probleme als nur die Club- und Eventkultur. Eine Kürzung um weniger als 10%  in diesem Bereich scheint dabei marginal und vertretbar. 

Der Haushalt für das nächste Jahr sieht im Bereich der Kulturförderung eine pauschale Reduzierung vor. Eine ausführliche Aufstellung der Mittel und weiteres Material zum Thema findet sich auf der Seite https://gehtsnochkarlsruhe.de/ .

Faktisch wäre damit der Komplex erklärt und aufgezeigt. Einzelne Location empfinden die Situation, je nach ihrer Finanzierung, different. Treffen tut es alle. In verschiedenen Artikel versuchten die „Badischen Neuesten Nachrichten“ die Lage für einzelne Einrichtungen dar zu stellen. Es gab dabei Aufstellungen  über die individuellen Ausgaben, ein Hinweis auf die Engpässe, die Variablen, die teilweise noch zum Jahresbeginn unkalkulierbar bleiben und einen groben Überblick über die Szene in Karlsruhe.

Das Problem muss allerdings im Kontext der zur Zeit stattfindenden Entwicklungen gesehen werden. Dafür ist es notwendig etwas weiter auszuholen. 

Karlsruhe hat eine sehr reiche – in manchen Punkten auch einzigartige und –  gepflegte Kultur an Livelocations. Es gibt ein kollegiales, fast familiäres Nebeneinander der Veranstaltungsorte, die gerne auch übergreifend und gemeinsam operieren. Je nach Größe mancher Events wird auf die Option zurückgegriffen, eine Veranstaltung zu verlegen oder weiter zu reichen. Das macht Karlsruhe sehr flexibel und attraktiv für seine Gäste. 

Städte in der Größenordnung Karlsruhes werden gerne von Bands mitgenommen, sind aber nicht der Anziehungspunkt für internationaler Superstars. Hier rangieren Berlin, Hamburg, München und Köln in wechselnder Rangfolge auf den ersten Plätzen. In Städten wie Karlsruhe ist es daher notwendig, eine kleine, flexible Szene aufrecht zu halten. Diese macht die Stadt für den Zuzug, den Studenten, aber auch Touristen attraktiv. 

Eine lebendige Konzertszene belebt Stadtviertel, lässt im Umfeld Lokale, Restaurants, Hotels entstehen und vermeidet Ghettosituation. Stadtteile werden dadurch als lebendig wahrgenommen und wandeln sich nicht in reine Schlafstätten. Live-Events binden Menschen an ihr Viertel und beleben die Nachbarschafts- und Vereinsstruktur aktiv.

Soll heißen: Die Arbeit an einer lebendigen Kulturszene ist ein wertvolles Gut, das eine Stadt der Größe Karlsruhes auf der Habenseite verbuchen kann. Es ist stellt keine Ausgabe dar, deren Gewinn nicht berechenbar ist.

Mit ein bißchen Vorstellungskraft, darf man gerne davon ausgehen, was die Kaiserpassage ohne den Jazzclub, der Werderplatz ohne das KOHi, der Schlachthof ohne die Alte Hackerei, das Substage und das Tollhaus wäre. 

Die Anziehungskraft des Schlachthofs, die gemeinsame Identifikation mit dem zur Verfügung gestellten Raum, ergibt sich aus der Möglichkeit, den Bereich Tag und Nacht zu nutzen. Also Arbeit und Freizeit in Einklang zu bringen.


Eine solche, einzelne Institution – wenn sie sich etabliert hat –  und zum Anziehungspunkt für Auswärtige und Einheimische geworden ist, in Frage zu stellen, in dem man die Existenz mancher Lokalitäten bedroht, ist auch eine Variante sich selbst (als Stadt)  in Schieflage zu bringen.

Es dauert Jahrzehnte eine lebendige Kulturszene aufzubauen

Wichtig ist dabei zu bedenken: Die meisten Kulturstätten, die aufgrund eines privaten Einsatzes, meist ohne Entgelt, aufgebaut und geführt werden, haben lange Jahre und Durststrecken hinter sich. Eine Basis und ein Publikum als Fundament zu finden, bedarf viel Kommunikation, Einfühlungsvermögen und die entsprechende Sensibilität, für das was funktioniert und genau hier passt.

Wenn es heute einen Unterstützerkreis gibt, die Publikumszahlen nach Corona wieder ein interessantes Niveau erreichen, dann verbergen sich dahinter Jahre, teilweise Jahrzehnte an mühevolle Arbeit Kultur zu etablieren und einem Publikum nahezubringen. 

Dieses gilt – ohne Ausnahme – für jeden Veranstaltungsort. Alle haben mit Fingerspitzengefühl bewiesen, dass sie es geschafft haben, einen Bereich zu schaffen, der charakterlich in sein Umfeld passt, sich arrangiert und einem Genre und ganzen Generationen an MusikerInnen eine Heimat zu bieten.

Es ist nahezu unmöglich innerhalb eines Jahres so etwas in diesem Kultur-Bereich zu etablieren. Es bedarf Vertrauen, Erfahrung, einem Netzwerk im Hintergrund und ein Umgang mit den Kreativen, der sich über diesen Zeitraum aufbaut.

Clubbesitzer, ehemalige, aber auch gegenwärtige, die das Thema stemmen wollten, können davon ein Lied singen. Was heute verschwindet, das wird für die nächsten Jahre nicht wieder auftauchen oder erneuert werden können. 

Der Schaden, der durch verschwundene Kultur, entsteht, wird beträchtlich sein. Wenn sich Restaurants und Lokale im Umfeld von Kulturstätten ansiedeln, dann mag das zufällig wirken, aber die Beziehungen sind bei genauer Betrachtung erkennbar. Die Schließung einer solchen Stätte wird unwillkürlich – fast ohne Verzug – auch zu einer merklichen Veränderung der Gastronomie führen. Im schlimmsten Fall zu einer Verödung.

Der Werderplatz und das KOHI

Als Beispiel sei der Werderplatz genannt. Ein Sorgenkind der Stadt. Im Laufe der Jahre gab es verschiedene Versuche die Attraktivität zu erhöhen, mit Verboten, Verwarnungen, Einsätze und auch Hilfsangebote. Die zunehmende Erhöhung der  Attraktivität durch Biergärten, Lokalitäten, Kulturangebote haben den Werderplatz mittlerweile wieder zu einem Anziehungspunkt gemacht, der auch für Außenstehende und über die Grenzen der Stadt interessant ist. Das KOHI in der Mitte des Platzes ist mittlerweile bei aufstrebenden MusikerInnen und KünstlerInnen, aber auch als Galerie ein Begriff. Es wird geschätzt, gelobt und mit Preisen erwähnt. In seinem Umfeld legen DJs in den umliegend Lokalen auf, haben sich Events auf dem Platz etabliert, fungiert mittlerweile eine lebendige Szene.

Das NUN in der Oststadt

Das NUN in der Oststadt erfüllt ähnliche Zwecke. Es bietet einen kleinen experimentellen Rahmen für ruhige, zumeist akustische Konzert in einer Atmosphäre, die in dieser Form einmalig ist. 

Ist damit ein Ort, der vor allem für ruhige, junge Künstler aus aller Welt zu einem Begriff wurde. 

Etwas wie das NUN, das immer noch- nach Jahren – als geschätzter Geheimtipp fungiert, arbeitet ausschließlich auf einer Vereinsbasis, die vom Aufwand nahe an der Selbstausbeutung ist. Niemand wird bezahlt, alles, was dort – in einer freundlichen, zuvorkommenden Atmosphäre – geschieht, passiert freiwillig. Abends, nach dem jeweiligen Broterwerb der Mitglieder! 

Es belebt die Oststadt, stärkt ihre Position als kulturell interessanter Ort und hilft bei der Attraktivität für alle Bewohner des Stadtteils.

Die Coronajahre

Doch die Thematik ist noch um einiges größer: Die Coronajahre waren für die Kulturbranche ein Fiasko und führten vielerorts zum Zweifel an der Sinnhaftigkeit   – daran sich von seiner Leidenschaft zu ernähren. 

Die Situation wurde, trotz versuchter Unterstützung, teilweise prekär und unverhältnismäßig hart. Man merkt es auch, dass – obwohl wir uns heute alle so fühlen, als ob das weit in die Vergangenheit liegt – es für Künstlerinnen sich so verhält, dass dasThema nach wie vor präsent ist. Es hat Einzug gefunden hat in Songs, Bücher und Bilder. 

Die Coronajahre waren ein Einschnitt. Manche fanden da nicht mehr raus. Das Publikum brauchte sehr lange, um wieder wie gewohnt in Konzerte zu gehen. Einige machen das bis heute nicht mehr.

Die Coronajahre sind in der Biografie vieler KünsterlerInnen verlustbehaftete Einschnitte, die noch lange, auch weit über die Zeit hinaus, spürbar sein werden. Den Faden wieder aufzunehmen, den Anschluss wieder zu finden, das war und ist nicht einfach. Bands hatten sich aufgelöst, Veröffentlichungen floppten, weil Tourneen nicht stattfinden konnten und manche InterpretInnen verloren ihre Stimme und fanden sie nicht wieder.

Nach den Coronajahren sind vor allem die kleinen Clubs und Locations sozusagen Auffangstationen, um Schritte in die Normalität zu wagen. Für Künstlerinnen wurde es unfassbar wichtig, eine Vielfalt an Auftrittsorten zu haben, die sie wieder nutzen konnten. Es ist den meisten eben nicht vergönnt Hallen zu füllen, sie müssen Orte finden, an denen sie die Näherung ans Publikum wieder testen, ausprobieren und sich finden konnten.

Aber auch das Publikum brauchte  – und braucht immer noch – diese sanfte Hinführung zu einem normalen Weiterführen des Kulturbetriebes. Das Thema ist fragil, aber noch immer scheuen Menschen große Ansammlungen und größere Hallen wegen der durchaus berechtigten Gefahr vor infektiösen Krankheiten. Normalität wieder zu lernen, diesem auch eine Basis zu geben und eine Plattform zu schaffen, auf der sich KünstlerInnen erproben testen und wiederfinden können, ist auch eine Aufgabe der kleinen, mutigen Orte.

Streamingdienste !

Gleichzeitig boomten Streamingdienste. Der Tonträgermarkt (CDs und Vinyl-Veröffentlichungen) dagegen brach fast komplett weg. Für KünstlerInnen, die sich auf dem Weg befinden, und noch nicht die erhoffte Popularität erreicht haben, ist der monatliche Erlös aus Streamingdiensten nicht ausreichend, um ein Leben zu finanzieren. 

Die Erträge sind in den seltensten Fällen ausreichend zu nennen. Oft erfüllen diese Plattformen maximal einen Werbeeffekt, aber zum Erhalt einer Kultur leisten sie in der Regel nichts. 

MusikerInnen finanzieren sich über Auftritte bzw. über den sogenannten Merch-Verkauf (T-Shirts, Tonträger etc.) , der bei Auftritten möglich ist. 

Auftritte, verbunden mit Merch, sind die Haupteinahmequellen vieler Bands und Solo-KünstlerInnen. Selbst wenn ihre Namen ausgesprochen bekannt sind, kann man sagen: Wer in den Karlsruher Clubs und Auftrittsorten unterwegs, finanziert sich in der Regel genau über diese Optionen. Und nicht über die Klicks bei Spotify und Konsorten.

Fällt nur einer dieser Auftrittsorte weg – und das ist keine gewagte Rechnung – kann man pauschal sagen, dass ca. 75 MusikerInnen und Bands im Jahr weniger in Karlsruhe auftreten werden.

Das mag wenig erscheinen. Ist aber sehr niedrig angesetzt. 

Das gilt für all jene jungen Gruppen, die sich augenblicklich noch in einen Tourbus setzen, teilweise stundenlange Fahrten auf sich nehmen und davon ausgehen, dass es sich für sie lohnen könnte, in unserer Stadt aufzutreten. Setzt sich dieser Trend zur Kürzung der Kulturförderung durch, dann müssen wir damit rechnen, dass Karlsruhe unattraktiver wird für besuchende KünstlerInnen, weil weniger davon leben können. Aber auch, weil Karlsruhe nicht mehr soviel zu bieten hat. 

Ich sprach nur von einem Auftrittsort. Die Zahl lässt sich locker fortführen und um jeden weiteren, sterbenden Auftrittsort nach oben fortsetzen.

Die Einschnitte betreffen dann nicht nur Clubs, Locations, Auftrittsorte und die begleitende Gastronomie, sondern und vor allem aufstrebende, hoffnungsvolle Talente.

Wenn es unattraktiv wird, sich in diesem Metier auszuprobieren, werden erstmal regionale Bands verschwinden und sterben, aber selbstverständlich ist Karlsruhe nur eine von vielen Gemeinden, die auf diese Weise versucht Geld zu sparen. Die Kultur – weil scheinbar nicht wirklich gewinnbringend für eine Region (und sicherlich in der Lage von sich selbst zu leben) – ist immer einer der Posten, den man gerne beschneidet. 

Aber es macht einen Beruf, der eher Berufung ist – denn er ist selten mit materiellen Anreizen verbunden – zunehmend unattraktiv und führt damit zu einem Flaschenhalseffekt. Am Schluss werden eben nur noch jene bleiben, die tendenziell doch von den Streamingdiensten leben können. Das sind dann nicht die jungen, experimentellen, wagemutigen KünstlerInnen, sondern ganz klar chartsorientiere ,Marketing-erprobte und KI-generierte, sowie videotaugliche Stücke, die einen Kompromiss in Sachen Geschmack darstellen. 

Was Musik für Karlsruhe bedeuten könnte

Für die Städte wie Karlsruhe würde es bedeuten: Eine Verödung der Kulturlandschaft, Einbußen in den begleitenden Lokalitäten, Plätze und Stadtteile, die darunter leiden werden, sowie eine zunehmende Anonymisierung in der Kulturszene und das über Jahrzehnte hinaus.

Es ist die Entscheidung, die momentan noch gefällt werden kann, die aber in ihren Folgen scheinbar nicht richtig eingeschätzt wird. Es wäre an der Zeit, das Karlsruhe seine Musikszene als Kapital erkennt, dass über die Stadtgrenzen hinaus Potential zur Profilierung hat.

Karlsruhe hat eine lebendige, fruchtbare Szene und es wäre an der Zeit, dass man stolz darauf ist. Es ist etwas, mit dem sich zu werben lohnt, denn es bringt weit mehr Kapital in die Stadt und in das Umfeld der Örtlichkeiten als man auf dem ersten Blick sieht. 

Karlsruhe hat es über viele Jahre versäumt, seine Geschichte der populären Musik aufzuarbeiten und zu pflegen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sich um Versäumnisse handelt, deren Aufarbeitung erst mal zeigen, wo Karlsruhe noch Optionen hat, seine Vorteile für Investoren, Studenten und Touristen zu zeigen. Das darf nicht einfach so zerstört werden.

Sophia Blenda und Pauls Jets im Kohi am 07.11.2025

Sophia Blenda und Pauls Jets im Kohi am 07.11.2025

Sophia Blenda im KOHI, Karlsruhe am 07.11.2025
Sophia Blenda im KOHI, Karlsruhe am 07.11.2025

Die Karlsruher Musikszene befindet sich in einer bedrohlichen Lage. Vor allem kleine Klubs, die ehrenamtlich und mit viel Engagement an dem Thema arbeiten, müssen aktuell ernsthaft um ihre Existenz bangen. 

In der Haushaltsdebatte von Karlsruhe wurden Kürzungen im Kulturetat beschlossen, die für alle Veranstaltungsorten zu empfindlichen Einsparungen führen werden. Im Rahmen der momentan Diskussion gibt es viel begleitendes Material in der örtlichen Presse, aber auch am 15.11. 2025 eine Demonstration auf dem Stephansplatz unter dem Motto: „Geht’s noch, Karlsruhe?“ (Eine Petition findet sich auf: https://gehtsnochkarlsruhe.de/)

Über ein Konzert zu sprechen, aber die momentane Situation zu verschweigen, macht wenig Sinn. Denn es sind genau diese kleinen, aber wichtigen Events, die dann verschwinden werden.

Die Musikszene in Karlsruhe ist breit gefächert. Aber jede Location hat – abhängig von der Örtlichkeit und dem Publikum – ein ganz eigenes Spektrum, dass es bedient. Bestimmte Genres funktionieren nur, wenn die Vorarbeit – die teilweise über Jahre gehen muss – geleistet wurde. Auch das KOHI ist daher etabliert, bekannt und wichtig, und eine Basis und Station für Bands und Talente, die aufstrebend, experimentell, auch mal laut und unter Umständen sperrig daher kommen. Die Toleranz, die das KOHI sich verdient hat, ist zum einen sein Kapital, wenn es darum geht, solche Acts und Namen überhaupt in die Stadt zu bringen, aber auch etwas, was schon Beachtung und Anerkennung, sowie einen Preis, eingebracht hat.

Wenn in einer Haushaltsdebatte von Einsparungen gesprochen wird, dann wirkt alles, was nicht in einer zweistelligen Prozentzahl liegt, erstmal harmlos. Das KOHI, das durchaus gegen kommerzielle Veranstaltungen konkurrieren muß, gehört jedoch zu den Einrichtungen, die – da nicht gewinnorientiert und als Verein organisiert – grundsätzlich mit den niedrigsten Kalkulationen arbeitet. 

Die Konzerte, die man im KOHI erlebt, sind für die BesucherInnen nicht nur bezahlbar – sie liegen, gerechnet an der Menge, die man für einen monatlichen Mitgliedsbeitrag erlebt – unter einem Vinyl-Preis. Damit auf derselben Ebene wie Streaming-Angebote und sind konkurrenzlos günstig, aber auch für jeden erschwinglich. 

Darum geht es in der Kultur: Sie muss erlebbar, live und teilbar sein. Für uns alle. Daher haben engagierte Stätten wie das Kohi nicht die Kürzung, sondern die Förderung, die Spende und den Soli-Beitrag verdient.

Es ist abzusehen, dass – wenn es zu einem Sterben der Klubs wie das KOHI, das NUN, die Alte Hackerei oder ähnlichen Orten kommt – es auf absehbare Zeit keine Alternativen, Neueröffnung oder Gründungen geben wird. Kürzungen im Kulturetat, die eine lebendige Szene betreffen, führen immer zu einem langfristigen Sterben, das viele Jahre braucht, um zu einer Neubelebung zu führen. 

Manche Städte konnten sich davon nie erholen. Es ist auch nicht so, dass Etats sich in den späteren Jahren erhöhen wird. Wenn die Szene es verkrafte, dass ihre Förderung gekürzt wird, gibt es keinen Grund in den nächsten Jahren an dem Betrag etwas zu ändern. Im Gegenteil: Der Beweis, dass es auch mit weniger geht, führt in der Regel dazu, es als Bestätigung des eingeschlagenen Weges aufzufassen, dabei zu bleiben, oder eine weitere Senkung in Betracht zu ziehen.

Wenn es also nun darum geht, dass am gestrigen Abend Sophia Blenda und Pauls Jets aus Wien das KOHI besucht haben, dann darf man nicht vergessen, dass eine siebenstündige Autofahrt, der unbezahlte Einsatz von Tontechnikern, Thekenkräfte, Einlasskontrolleure, Bookern, Admins – und wie man die Jobs zwischen Plakaterstellung und Webseitenbetrieb noch nennen will – für die Möglichkeit gesorgt haben, dass zwei Bands an einem Abend in der Südstadt für ein Highlight gesorgt haben.

Sophia Blenda im KOHI, Karlsruhe am 07.11.2025
Sophia Blenda im KOHI, Karlsruhe am 07.11.2025

Sophia Blenda, eine junge Songwriterin am Keyboard – begleitet von Geige und einem Percussionisten, bot in diesem Rahmen, eine zerbrechliche Palette mutiger Songs. Mehrsprachig, pendelnd zwischen Englisch und Deutsch, zeigte die 3 köpfige Band eine moderne Variante dunkler Chansons. 

Geflochten aus der Lyrik, die,  nach ihren Aussagen , die Auswirkungen patriarchaler Strukturen und dem queeren Lebensgefühl aufzeigen, baute Sophia Blenda sehr persönliche und transparente Songstrukturen. Gaben ihrer Stimme damit Raum, und unterstrichen in Wirkung und Begleitung, die Aussagen. Skizzen, Beschreibungen, oftmals Bilder, durchaus mehrdeutig, formten gefühlvolle Strukturen, in denen über das reine Liedermachen, nicht nur Worte, sondern der gesamte Komplex aus instrumentaler Begleitung, Stimme und Ausdruck das Werk waren.  

Der Chanson drängt sich auf, denn die Beschäftigung mit komplexen Themen, deren poetische Verarbeitung, aber auch der Vortrag in dem sich so viel Ausdrücke vereinen und von Trotz, Wut, Verletzlichkeit erzählen, ist eine Spannbreite, die den Begriff Pop nach links und rechts ausfransen. Mut und Entschlossenheit, aber auch die entsprechende Sensibilität beim Setzen der Worte und dem Vortrag prägten ihren Beitrag.

Pauls Jets im KOHI, Karlsruhe am 07.11.2025
Pauls Jets im KOHI, Karlsruhe am 07.11.2025

Ganz anders Pauls Jets. Geradeheraus, bereit sich zu bedienen, mit viel Gefühl für Wumms, Kalkül und Tanzbarkeit, haben die drei eine Menge Spaß. Und diesen selbstverständlich auch mit ihrem Publikum. Pauls Jets bewegen sie mit einer lausbubenhaften Ironie im Synthesizergerausche früher Krautrocker, um das Ding dann frechweg mit Gitarrensound aufzufrischen. Das hat Charme, die richtige Portion Unruhe und eine ganze Menge Humor. Aber auch Selbstbewusstsein, das Staunen macht. 

Allein der Aufbau – ein Tisch vor ihnen, zwischen den Musikern und dem Publikum – wirkte schon mutig genug. Doch trotzdem den Kontakt nicht zu verlieren, dran zu bleiben und den Laden zum schwingen zu bringen, ist Chuzpe und nötigt Respekt ab.

Pauls Jets verkündeten, dass mittlerweile vier Alben vorliegen, und das möchte man ihnen locker glauben, schließlich scheint das Ding von alleine zu funktionieren. Die richtigen Knöpfe kannten sie, und rockten entschieden durch bekanntes und gut eingespieltes Material.

Da ist die Anspielung auf das Jazzfestival, mit einem Dialog der schmunzeln lässt, Verweise und Zitate, die an die Aufbruchjahre der deutschen Welle erinnern, und Bassläufe, die entschlossen funky alles unterstreichen. 

Eigentlich, und fraglos, alles was man sich von Pop wünscht, lieferten Pauls Jets ab. Sie sind die, die irgendwann eine Hymne haben werden, die wir dann alle kennen und jene, die wir gerne auf Festivals sehen möchten. Gitarre, Bass und Keyboard reichen vollkommen aus, um das Herz zu erfreuen. Haben sie gezeigt. Mit Witz, und Remmidemmi. 

Flora Falls im NUN, Kulturraum am 01.11.2025

Flora Falls im NUN, Kulturraum am 01.11.2025

Flora Falls im NUN Kulturraum, Karlsruhe, am 01.11.2025
Flora Falls im NUN Kulturraum, Karlsruhe, am 01.11.2025

Allerheiligen. Der Hinweis aufs Tanzverbot wirkte fürs NUN ungewöhnlich. Aber im Hinblick auf Flora Falls nicht fehlplatziert. Das NUN präsentierte sich herbstlich, geschmückt mit Lichterketten und Blattwerk. Fast feierlich für den akustischen Abend. 

Brea Robertson aus Australien und Dominique Fricot aus Kanada sind das ursprüngliche Duo Flora Falls, das mittlerweile erweitert um eine Geige bzw. Keyboard, zu Gast war. 

Zusammengefunden, kurz vor der Pandemie, in Berlin, hatten sie mit dem Zeitpunkt ihrer Bandgründung den denkbar schlechtesten Start. Zu Beginn platzierten sie akustische Coverversionen bekannter Hits auf YouTube, um die Monate der Kontaktsperren zu überbrücken. Kreierten dabei aber etwas, dass einem ganz eigenen Sound entsprach. 

Angesiedelt in der Mischung aus den verschiedensten Einflüssen, ergab sich daraus eine sehr persönliche, klare Linie. Flora Falls vermengen den Folk der frühen Jahre, die Traditionen aus mindestens drei Kontinenten zu einer gefühlvollen Melange aus Mandoline, Gitarre und Gesang. Die Geige unterstreicht dabei die Lebensfreude, das Keyboard belebt die sensible Struktur. 

Fast prädestiniert für die Abende in dieser Location, war das NUN nahezu ausverkauft – und die Bühne damit umrundet. Die Konzentration auf nur wenige Elemente ein Glücksgriff. Dominiques Gesang – feste, kraftvoll –  vervollständigte sich durch Breas Part. In ihr vereinigten sich die Farben des Herbstes, die Stimmung der frühen Nächte, um gemeinsam die Aufbrüche und Liebe zur Musik zu feiern.

Wäre es nicht das NUN, nicht das Tanzverbot – es hätte sicherlich zum Tanz gereicht. Die Instrumentalparts waren ausgelassen, der Schwung beträchtlich, der Enthusiasmus fürs Publikum spürbar.

Noch aus der Frühzeit spielten sie zwei Coversongs, die in der Handschrift und Färbung dem Gesamtwerk angeglichen waren. Whitney Houstons „ I Wanna Dance with somebody“ und Princes „Nothing compares 2 u“. 

Reduziert, komprimiert, und erweitert um alles was Americana und Folk ausmachen. So klang es eher wie die Urversionen der Songs. Zeigten damit, die frische Herangehensweise von Flora Falls. Respekt und Eigenständigkeit. Verwurzelt und auf dem Weg Neues zu schaffen.

Konzerte im NUN sind ruhige, intime Abende. Das Ambiente einer gemütlichen Kneipe. 

Die Veranstaltungen immer ein bißchen zwischen Geheimtipp und Nachbarschaftstreffen angesiedelt. So ist es typisch, dass um 22:00 Uhr die Instrumente aufgestöpselt werden. Um die Anwohner nicht zu stören. 

Auch dieses Mal, als es zu einer akustischen, improvisierten Hommage an das Publikum kam. Flora Falls begaben sich zwischen die Reihen, huldigten die Anwesenden mit Komplimenten, spielten die Zugabe ohne Verstärkung und beeindruckten durch ihren Charme und ihre Darbietung.

Flora Falls zeigten in einem außergewöhnlich kraftvollem und variantenreichen Konzert, dass es wenig bedarf – außer Können und ein gutes Gefühl dafür – die Anwesenden zu begeistern. Es war ihr zweiter Auftritt im NUN. Ein Comeback also und kein Zweifel, das wird nicht das letzte Mal bleiben.

Externe Links:

Flora Falls – https://www.florafallsmusic.com

NUN – https://nun.cafe