Black Sea Shipping Company (Foto: Christoph Zimmermann)
Über die Black Sea Shipping Company wurde hier in der Vergangenheit schon mehrfach berichtet.
Klezmer und im weitesten Sinne Weltmusik mit starken Einflüssen aus dem Balkan sowie einer gehörigen Brise Swing sind ihr Metier.
Innerhalb der letzten zwei Jahre haben sie sich einen legendären Ruf unter einem stabilen Fankreis erarbeitet.
Wild, ungestüm, mit sehr viel Spaß an der Sache, werden sie die kleine Bühne nutzen und zu einer Reise durch ganz verschiedene Regionen verleiten. Dabei darf getanzt und gewippt werden, denn stillstehen fällt schwer und ist nicht angesagt.
Das alles ist im weitesten Sinne Folkmusik, aber vor allem eine Melange der Stile und Wanderungen, die diese Musikrichtungen hinter sich haben. Klezmer und alle verwandten Melodien und Lieder entstammen einer jüdischen Tradition, in der sich Musiker auch in Tanz- und Jazz, sowie Swingkapellen und Orchester ihr Geld verdient haben.
Black Sea Shipping Company im KOHI am 10.01.2026
So ist es nur allzu verständlich, dass die Einordnung der Musik schwer fallen kann, aber vor allem die Freude am Spiel im Vordergrund steht. Es handelt sich um eine Musik, die das Leben feiert, die Hochzeit bereichert und die Vermischung der Kulturen als Konzept hat.
Die Black Sea Shipping Company singt mehrsprachig, flicht Zitate und moderne Verweise in ihre Musik ein und transportiert damit die Botschaft einer kleinen verbundenen Welt.
Wer eine Einführung in das Fest braucht und in die richtige Stimmung kommen will, sollte sie nicht verpassen.
Die Black Sea Shipping Company am 24.10.2025 im Tempel
Viktor Pashnyk auf dem ukrainischen Charity-Festival am 4.07.2026 auf dem Hofgut Scheibenhardt
Die erste Begegnung vor einigen Monaten mit der Musik von Viktor Pashnyk war geprägt von der Neugierde. Die Bandura, ein typisches ukrainisches Instrument, dass oft mit dem Wort „Lautenharfe“ umschrieben wird, erregt Aufmerksamkeit.
Bauchig, mit einem großen Klangkörper ausgestattet, und einer Vielzahl an Saiten wirkt es ungewohnt, erinnert aber in seinen melodiösen Tönen durchaus an jene zwei Instrumente, die gerne für die Beschreibung genutzt werden. Von der Laute hat sie den gitarrenähnlichen, folkloristisch anmutenden Klang, von der Harfe das große Spektrum der Möglichkeiten.
Viktor Pashnyk befindet sich aktuell auf einer langen Tournee durch Deutschland, die ihn nun zum zweiten Mal nach Karlsruhe führte. Im Hofgut Scheibenhardt, jenem Golfclub, der sich auf der Rückseite der Kunstakademie, dem Schloss Scheibenhardt am Rande von Karlsruhe (auf dem weg nach Ettlingen) befindet, fand das alljährliche Charity-Festival des Deutsch-Ukrainischen Vereins statt.
Mit dem Charity-Festival wird versucht, zum einen Spenden für Hilfsgüter und Unterstützung der Menschen in der Ukraine zu sammeln, und zum anderen, die ukrainischen Initiativen, die Kultur, aber auch die kulinarischen Genüsse des Landes zu präsentieren.
In der Atmosphäre des Golfclubs versammelte sich daher eine erstaunliche Vielfalt der ukrainischen Kulturszene, die fast unbeachtet mittlerweile einige interessante MusikerInnen aufzuweisen hat.
Viktor Pashnyk auf dem ukrainischen Charity-Festival am 4.07.2026 auf dem Hofgut Scheibenhardt
So war es nicht nur Viktor Pashnyk, sondern z.B. auch Bloshka & The Love Spirits (demnächst auf dem Unifest in Karlsruhe vertreten) und Nik Prana, die im Laufe des Tages auftraten. Beide hätte ich gerne gesehen, aber es ist Sommer, die Feste und Konzerte liegen so nahe beieinander wie das ganze Jahr sonst nicht.
Viktor Pashnyk ist ein ukrainischer Liedermacher und Interpret traditioneller Weisen. Seine Lieder, zumeist in ukrainisch, mit einem Schmunzeln und einem lockeren Dialog vorgetragen, transportieren die Witz und die menschliche Wärme jener Region. Sein Auftritt ist charmant, nahbar und wurde spontan von dem Geigenspiel einer der Anwesenden unterstützt.
Eingerahmt von den Darbietungen junger Sängerinnen (angeleitet von Bloshka, die zwei der Formationen leitete) und weiteren Aufführungen, zeigte sich Viktor Pashnyk nicht nur als Spieler der Bandura, sondern auch auf der Gitarre. Mag sich lyrisch nicht alles erschließen – weil man der Sprache nicht mächtig ist – so bleibt das universelle der Musik, die es leicht macht, seine Fertigkeiten zu bewundern.
Vor allem in der Begleitung, mit den jenen Geigenklängen, die ihn bei 3 Stücken unterstützten, offenbarte sich ein Aspekte, dem man gerne länger gelauscht hätte.
Das Charity-Festival dient dazu, die Kriegsleiden des Landes zu mildern, die Menschen, die dort verblieben sind, zu unterstützen, aber auch um jenen, die in der Migration sind, einen Ort zu geben, an dem sie ihre Kultur erleben und feiern können. Angesichts des reichhaltigen Angebotes, der Organisation und den Bildern, die hinterher in Social Media einflossen, ist ihnen das sehr gut gelungen.
Wer die Chance hat, die erwähnten Künstler in den nächsten Monaten zu sehen, sollte sie nutzen. Mit Bloshka und Nik Prana hatte sich in den letzten Wochen die Chance für ein Interview ergeben. Siehe unten. Wahrscheinlich wird man sowieso noch einiges von ihnen hören.
Orchestra Mondo bei „Schriesheim Jazzt!“ Am 05.07.2026 (Schriesheim)
Einst als Zydeco Annie mit viel Liebe zur Musik Louisianas unterwegs war, war Anja Baldauf als eine der kenntnisreichsten Botschafterinnen dieser Richtung in Deutschland bekannt. Seit einigen Jahren jedoch gibt es für die aktive Akkordeonistin ein weiteres Standbein, das mehr und mehr in den Vordergrund rückt.
Das Orchestra Mondo ist ebenfalls von ihrem Instrument geprägt, geht das Thema aber von einer anderen Seite an. Ist das Thema doch „Tango meets Gypsy“ und erlaubt damit mehr als nur einen Blick über den Tellerrand.
Orchestra Mondo gehören als vierköpfige, akustische Formation damit zu jenen Gruppierungen, die den Bogen weit zu spannen vermögen, um all die Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, die sich quer durch die Stilrichtungen ziehen. Wie der Name schon verspricht handelt es sich um eine Reise. Ein musikalischer Trip, der die ganze Welt vereinnahmt.
Argentinien, das Heimatland und der eigentliche Ursprungsort des Tangos vermischt dabei die Kompositionen Astor Piazzolas mit den Chansons in Paris, und dort mit dem charakteristischen Gitarrenspiel eines Django Reinhardt. Das alles zusammengerührt – mit den Elementen des Ostens, den ungestümen Rhythmen des Balkans und die Improvisationsfreiheit des Jazz.
Material, das auch Raum lässt für Selbstkomponiertes oder quasi auf den Straßen gefundenes Liedgut, das sich nahtlos zu einem Ganzen zusammenfügt. Um dann schließlich verwandtschaftliche Bezüge zu entdecken.
Orchestra Mondo lassen die Klänge der unterschiedlichsten Regionen dabei swingen. Sie transportieren die Melancholie und gleichzeitige Aufbruchstimmung der 20-30er Jahre.
„Schriesheim Jazzt!“ Ist eine der kleinen, engagierten Veranstaltungen, die im Sommer die Höfe der Altstadt für einige Formationen, kulinarische Köstlichkeiten und dem regionalen Wein öffnen. Eines jener Events, das am Rande der großen Namen versierten MusikerInnen eine Plattform bietet. Die Konzerte finden parallel statt, so daß das Publikum aufgefordert ist, zu durch die Altstadt zu schlendern, Entdeckungen zu machen und den lauen Abend zu genießen.
Auf einem der Höfe, unter einem großen schattigen Baum, umgeben von historischen Mauern, präsentierten sich die vier Musiker (Anja Baldauf – Akkordeon, Raffael Müller – Gitarre, Dennis Wendel – Kontrabass und Stefan Baldauf – Drums).
Am Fuße der Weinberge, die in Schriesheim mit einer bewirtschafteten Burg gekrönt sind, war alles nachvollziehbar: die lauen, sommerlichen Abende in Pariser Cafés, die warme Luft, der süffige Wein, die Saitenklänge begabter Musiker und die Lebensfreude, wie man sie auf den Gassen im Balkan vermutet.
Im Spiel offenbarte das Quartett eine überraschende Tiefe, und einen kenntnisreichen Umgang mit ihren klar erkennbaren Vorbildern. Anja Baldauf, die schon mit dem Akkordeon die unterschiedlichsten Varianten, Stile und Formen dieses Instrumentes beherrscht, nutzte, vor allem in einem Anklang zu den französischen Zitaten auch die Melodica. Raffael Müller dagegen wußte das Spiel auf den Stahlseiten mit Bravour zu meistern, ohne das Handikap eines Django Reinhardt zu teilen.
Es war mir nicht vergönnt alle Gruppen in Schriesheim zu erleben, doch angesichts der Qualität der musikalischen Miniaturen, die ich mitbekommen habe, war nicht nur das Orchestra Mondo ein Grund dem kleinen Festival beizuwohnen. Qualitativ gehört es auf jeden Fall zu einem der bemerkenswerten Jazz-Feste, die die Region zu bieten hat.
Freshlyground ( Support: The Congo Cowboys) im Tollhaus am 02.07.2026
The Congo Cowboys ist der mutige Versuch Genres miteinander zu verschmelzen, die auf den ersten Blick nicht zusammen gehören. Aus dem langjährigen, wiederbelebten Bandprojekt Freshlyground formte sich mit dem Gitarristen Chris Bakalanga, Bassisten Julio Sigauque und dem Banjospieler Simon Attwell, sowie dem Drummer Unity Mai eine eigene Variante des World-Fusion-Konzeptes.
Was gewagt erscheint, darf sich hier vereinigen. Das Banjo wird heim nach Afrika gebracht. Die afrikanische Kora ist ein weitaus kompliziertes Instrument, aber die Verwandtschaften sind klar erkennbar.
The Congo Cowboys im Tollhaus am 02.07.2026
Doch nicht nur in der Wahl der Instrumente gehen die Congo Cowboys einen eigensinnigen Weg. Auch in in ihrer Kleidung und in ihrem Stil huldigen sie Nashville und die Wurzeln des Bluegrass. So wie er normalerweise in den Appalachen zuhause ist.
The Congo Cowboys sind damit die entschlossene Melange aus afrikanischen Rhythmen und dem Western Swing eines Bill Monroe. Es ist ein Zeichen der unerschöpflichen Genügsamkeit des Americana in seiner breiten folkloristischen Offenheit immer und überall eine neue Heimat zu finden. Sei es in Skandinavien, oder – wie hier – bei den Congo Cowboys in Afrika.
Dadurch ergeben sich faszinierende Kombinationen, die – und das zeigt sich vor allem bei den Congo-Cowboys – mit großer Beschwingtheit, einer mutigen Choregraphie und einem unbändigen Spielwillen locker einen fast ausverkauften Saal zum Tanzen bringen.
The Congo Cowboys im Tollhaus am 02.07.2026
Die Congo Cowboys gingen mit Enthusiasmus und Freude ans Werk. Gleichermaßen frech und respektlos, aber bewiesen in der Fingerfertigkeit dennoch eine große Hochachtung vor den großen Hits der Countrymusik. So interpretierten sie „Jolene“, als wäre es ein Stück aus ihrer Region.
Sie nutzten ihre Chance und wußten damit umzugehen. Transportierten die Klischees mit den Hüten der Rinderhirten in die heimische Steppe, unterlegten sie mit Afrobeat und begründeten damit eine neue Tradition.
The Congo Cowboys sind Mitglieder von Freshlyground. Naheliegend den Support zu übernehmen. Logisch das die Überleitung damit funktionierte, auch wenn ein defektes Bass zu einer längeren Pause zwischen den Gruppen führte. Es gehört zu den Stärken des Tollhauses auch um diese Zeit ein Ersatzinstrument zu besorgen. Verzögerte alles ein bißchen nach hinten, aber Freshlyground – nun mit einer neuen Sängerin, der 21-jährigen Mbali Makhoba – wußten zu belohnen.
Kräftige Afrobeatsounds, eine energische, charismatische Frontfrau, sowie der Einsatz jeden Bandmitglieds präsentierte eine Truppe, die beweisen konnte, dass sie auch ohne Shakira funktioniert. Einst wurde sie von Freshlyground zu ihrer WM-Hymne „Waka Waka“ begleitet.
Freshlyground gelang schon immer das Kunstück in weiten Schritten Elemente des afrikanischen Kontinents mit all ihren Eigenheiten, in ein eingängiges Popgefüge einfließen zu lassen. Entstanden ist im Laufe der Jahre damit ein Strauß an Songs, der vertraut und bekannt wirkt, aber vor allem tanzbar und kraftvoll blieb.
Freshlyground ( Support: The Congo Cowboys) im Tollhaus am 02.07.2026
Mit Mbali Makhoba gewannen sie eine Stimme, die facettenreichen vom Blues bis zur Hymne, in aller Farbigkeit dem Sound der Band entspricht. Vor allem in den melancholischen Werken des neuen Albums zeigte sich die Intensität der Interpretation, in der die Leidenschaft Mbalis überzeugend in den Vordergrund treten konnte.
Freshlyground war mit drei Gitarren, einem Keyboarder und dem Schlagzeuger gut aufgestellt. Fett Instrumentiert, vielschichtig in den Arrangements, sowie einem warmen, flirrenden Saitenspiel rundeten eine Bühnenshow ab, die vor allem das gute Zusammenspiel betonte. Freshlyground stehen für eine gute Party. War die richtige Zeit dafür, war warm genug, und alles wie geschaffen für den vorherrschenden Afrobeat. Und wenn das Zeltival dafür nicht der richtige Ort ist, wo dann?
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